»Ich habe sie! Bamford hat sie eben hergeschickt.« Sie schwenkte eine eselsohrige Akte.

»Es ist zwölf Jahre her, fast auf den Tag!«

»Ausgezeichnet! Her damit!« Er streckte die Hand danach aus. Sie strahlte ihn an, und auf ihren runden Backen bildeten sich Grübchen, als sie ihm die Akte reichte. Louise Bryce war eine gedrungene, sommersprossige junge Frau mit kurz geschnittenem, lockigem rötlichen Haar und einem gutmütigen Gesichtsausdruck, den selbst ihr erwählter Beruf noch nicht hatte auslöschen können. Ohne bösen Hintergedanken erinnerte sie Markby stark an Mrs. Bun, die Bäckertochter im Happy Families Kartenspiel – was allerdings nicht bedeutete, dass er ihre Intelligenz oder ihre Hartnäckigkeit auch nur eine Sekunde lang unterschätzte.

»Kimberley Oates«, las er laut vom Aktendeckel vor.

»Jawohl, Sir. Ihre Großmutter, eine Mrs. Joan Oates, hat sie damals als vermisst gemeldet. Ich werde gleich morgen Früh sämtliche Zahnärzte aus der Gegend abklappern und ihre Krankenunterlagen überprüfen. Es sieht tatsächlich so aus, als hätte Ihr Mr. French Recht mit seiner Vermutung, Sir.«

»Er ist nicht ›mein‹ Mr. French!«, sagte Markby.

»Er ist nicht mehr und nicht weniger als ein Bürger, der seine Pflicht erfüllt hat und vorgetreten ist.« Bryce musterte ihn mit einem neugierigen Blick, doch sie sagte nichts. Markby schlug die Akte auf. Eine Reihe von Hochglanzfotografien lag obenauf. Er nahm die erste zur Hand und gab unwillkürlich einen überraschten Laut von sich. Die Knochen aus dem Grab nahmen Gestalt und Leben an. Es war ein professionelles Porträt, und es zeigte einen breit lächelnden, molligen Teenager. Die Lücke zwischen Kimberleys Schneidezähnen war deutlich sichtbar und durchaus reizend. French hatte sie als attraktiv beschrieben, und Pater Holland hatte sich gefragt, ob die Tote hübsch gewesen sei. Hier war die Antwort. Kimberley Oates war ausgesprochen hübsch gewesen. Vielleicht hübscher, als es ihr gut getan hatte. Markby nahm die anderen Fotos zur Hand. Eines zeigte einen Schnappschuss der jungen Frau, aufgenommen im Sommer und vielleicht ein Jahr früher, im Garten eines kleinen Hauses mit einer Katze auf dem Arm. Das andere unterschied sich deutlich und war offensichtlich eine einstudierte Pose. Es zeigte ein prachtvoll gedecktes kaltes Büfett. Ein ganzer pochierter Lachs mit wundervoll arrangierten

»Schuppen« aus Gurkenscheiben lag dort, ein glasierter Schinken, gespickt mit Nelken, und alle möglichen Salate. Auf der einen Seite standen zwei Mädchen, eines davon Kimberley, sowie ein junger Mann, den Markby als den jüngeren, schlankeren und frischer dreinblickenden Simon French wiedererkannte. Alle drei lächelten selbstbewusst in die Kamera, als wären sie dazu aufgefordert worden. Simon trug Weste und Fliege. Die beiden jungen Frauen trugen schwarze Röcke, weiße Blusen und um den Hals dünne schwarze Bänder, die ebenfalls zu Schleifen gebunden waren.

»Aha«, murmelte Markby leise.

»Das Personal.«

»Sie hat für Partytime Caterers gearbeitet, Sir. Genau wie French gesagt hat. Die Firma existiert noch immer, doch ich weiß nicht, ob die Geschäftsleitung die gleiche geblieben ist. Sie befindet sich im Gewerbegebiet in der Burford Road.« Markby betrachtete das Bild genauer. Es schien in einem Privathaus aufgenommen worden zu sein. Hinter dem Büfett war das Sims eines breiten gemauerten Kamins zu erkennen, mit einem Eichensims, auf dem zahlreiche Bilder standen. An der Wand daneben hing irgendeine Urkunde, und ganz am oberen Rand des Fotos war ein Ausschnitt von einem Gemälde zu erkennen. French hatte erwähnt, dass Partytime auch private Feiern belieferte.

»Ich fahre morgen hin und finde heraus, ob sich noch jemand an sie erinnert.« Sie wand sich nervös.

»Soll ich Ihnen die Akte dalassen?«

»Was? Oh. Ja, bitte. Ich werde sie lesen, und dann bekommen Sie sie zurück. Sie können sich wieder an Ihre Arbeit machen.« Als Bryce gegangen war, klappte Markby die Akte auf, und das Deckenlicht strahlte grell auf die mit Schreibmaschine voll geschriebenen Blätter. Zu seiner Verärgerung war die Lampenschale der Neonleuchte von innen mit Fliegendreck übersät, der nun ein Muster winziger dunkler Schatten auf das Papier warf, als wollten sie auf das Verderbte hindeuten, das sich hinter dem Fall verbarg. Markby begann zu lesen und vertiefte sich in die Einzelheiten einer fremden Tragödie.

Es war keine ungewöhnliche Geschichte. Eine gewisse Susan Oates hatte im Alter von sechzehn Jahren ein Kind zur Welt gebracht, ohne mit Sicherheit sagen zu können, wer der Vater war. Das Baby war nicht zur Adoption freigegeben worden, weil Susan sich dagegen gewehrt hatte. Andererseits war sie nicht mit der harten Arbeit oder den Beschränkungen für ihr Leben zurechtgekommen, die das Baby verlangt hätte. All das war ihrer verwitweten Mutter zugefallen, Joan Oates.

Ein Jahr später war Susan des Babys vollkommen überdrüssig gewesen und verschwunden. Ihre Mutter war mit dem Baby in den Händen zurückgeblieben. Zuerst hatte Susan zu den Geburtstagen und zu Weihnachten geschrieben und billige Geschenke geschickt. Dann waren nur noch Karten gekommen und die Geschenke ausgeblieben. Schließlich hatten selbst die wenigen Zeilen in den Karten aufgehört, und sie waren nur noch unterschrieben. Irgendwann hatte die Korrespondenz ganz aufgehört.

Das Baby, getauft auf den Namen Kimberley, war unter der Obhut der Großmutter aufgewachsen. Kimberley war mit sechzehn von der Schule abgegangen und hatte eine Arbeit als Kellnerin bei Partytime Caterers angenommen. Wenn sie nicht kellnerte, half sie bei allen möglichen Aufgaben mit. Sie war bei ihren Kollegen beliebt gewesen, und die Geschäftsleitung war mit ihrer Arbeit zufrieden, auch wenn sie mehrmals ermahnt worden war, nicht mit den Kunden zu flirten. Ihr hatte, mit den Worten des Geschäftsführers, »ein gewisses professionelles Verhalten« gefehlt. Es ist offensichtlich, dachte Markby, wer Simon French die grundlegenden Kenntnisse über

»richtiges Geschäftsgebaren« vermittelt hat.

Die Vorträge über richtiges Benehmen hatten Kimberley offensichtlich wenig beeindruckt. Andererseits war sie auch noch sehr jung gewesen. Eines Tages im späten Juli hatte sie tagsüber freigehabt und erst später zur Arbeit gemusst, um auf einer Abendgesellschaft zu kellnern, die von Partytime beliefert wurde. Vormittags hatte sie sich, nach den Worten von Mrs. Joan Oates, »zurechtgemacht« und war ausgegangen. Ihre Großmutter hatte geglaubt, dass Kimberley wohl einen Einkaufsbummel machte oder sich mit Freundinnen traf. Sie war nicht wieder zurückgekehrt. Später hatte der Geschäftsführer von Partytime bei Mrs. Oates angerufen und sich erkundigt, wo Kimberley bliebe. Sie würde gebraucht. Sie war nicht zur Arbeit erschienen. Es gab zu wenig Personal, und der Geschäftsführer war sehr aufgebracht gewesen. Mrs. Oates hatte angefangen, sich Sorgen zu machen. Kimberley war die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen. Am nächsten Tag hatte Mrs. Oates die Polizei informiert.

Kimberley wurde nie wieder gesehen. Mrs. Oates räumte ein, dass es eine Reihe von Streits zwischen ihr und ihrer Enkelin gegeben hatte. Kimberley war in den letzten Wochen

»schwierig« gewesen. Bezeichnenderweise gab es keinerlei Hinweis, dass sie schwanger gewesen war. Kimberley hatte ihrer Großmutter wahrscheinlich nichts davon erzählt, doch nach vier Monaten wurden die Umstände allmählich sichtbar, selbst wenn man so mollig war wie Kimberley. Sie musste sich darauf einstellen, der Großmutter die Wahrheit zu erzählen. Vielleicht war es ihr unmöglich gewesen, und sie war deswegen weggegangen. Sie hatte allerdings keine Koffer gepackt, dachte Markby mit nachdenklich zusammengepressten Lippen. Auch das geschah häufiger. Manchmal beschlossen jugendliche Ausreißer, noch während sie außer Haus waren, nicht mehr zurückzukehren.

Nach Freundinnen und Freunden befragt, hatte Mrs. Oates zu Protokoll gegeben, dass Kimberley wohl

»jede Menge« Freunde gehabt hatte. Joan Oates hatte allerdings den Eindruck gehabt, dass es in letzter Zeit jemand Besonderen gegeben hatte, auch wenn Kimberley sie nicht eingeweiht hatte. Im Nachhinein dachte die Großmutter, dass ihre Enkelin sich heimlichtuerisch verhalten hatte. Unwillig gestand sie ein, dass Kimberley schon früher eine ganze Nacht lang nicht nach Hause gekommen und dass sie deswegen sehr zornig auf ihre Enkelin gewesen war. Sie befürchtete ernsthaft, dass Kimberley sich ganz wie die Mutter entwickeln könnte. Doch sie war stets zur Arbeit erschienen.

»Sie brauchte das Geld«, hatte Joan gesagt.

Sie hatte der Polizei auch noch etwas anderes gesagt, etwas, das zuerst nach einer Spur ausgesehen hatte. Joan hatte sämtliche kurzen, lieblosen Geburtstags- und Weihnachtsgrüße ihrer Tochter in einer Schachtel aufbewahrt, zusammen mit den Umschlägen. Eines Sonntagmorgens hatte sie Kimberley dabei überrascht, wie sie die Briefe durchgegangen war und Notizen auf einen Zettel gekritzelt hatte. Offensichtlich hatte sie jeden Fetzen Information über ihre Mutter gesammelt, der sich aus den spärlichen Unterlagen gewinnen ließ. Mrs. Oates hatte geglaubt, dass Kimberley vielleicht vorgehabt hatte, ihre Mutter zu suchen. Der Zwischenfall hatte sie erschreckt und beunruhigt, und sie hatte versucht, Kimberley von der Idee abzubringen. Sie kannte ihre Tochter Susan, und sie konnte sich ziemlich genau vorstellen, was geschehen würde, sollten Kimberleys Bemühungen erfolgreich verlaufen.

Im Zuge der Ermittlungen spürte die Polizei Susan Oates auf. Wie sich herausstellte, lebte sie in Wales und war mit einem Mann namens Tempest verheiratet, mit dem sie zwei kleine Kinder hatte. Das Auftauchen der Polizei hatte sie sowohl erschreckt als auch wütend gemacht. Obwohl die Polizei mit aller gebotenen Diskretion vorgegangen war, hatten Nachbarn Mr. Tempest über den Besuch der Beamten informiert, und er hatte unverzüglich wissen wollen, was da vor sich ging. Er hatte nicht gewusst, dass seine Frau schon einmal ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hatte, und er fiel aus allen Wolken. Susan behauptete, sie hätte keinerlei Kontakt zu ihrer Tochter gehabt und dass sie auch keinen Wunsch in dieser Richtung verspüre. Mr. Tempest hatte

»höchst ungehalten« reagiert und seinem Namen anscheinend alle Ehre gemacht: Als Susan Tempest, geborene Oates, das letzte Mal vernommen worden war, hatte sie ein blaues Auge gehabt.

Kimberley war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens gerade achtzehn geworden und somit volljährig. Hätte es sich um eine Minderjährige gehandelt, hätte die Polizei die Angelegenheit weiter verfolgt. Doch ohne jeden Hinweis darauf, dass sich ein Verbrechen ereignet haben könnte, wurden die Ermittlungen eingestellt. Der Bericht konstatierte, dass sich die junge Frau wohl entschlossen hatte, nach verschiedenen heftigen Auseinandersetzungen die Familie zu verlassen. Möglicherweise war sie zu einem Freund gezogen und lebte mit ihm zusammen. So etwas geschah jeden Tag. Kimberley Oates wurde als vermisst eingestuft, doch jeder wusste, dass es eine reine Formalität war. Es war kein Verbrechen zu verschwinden. Dutzende taten genau das Gleiche, und häufig aus gutem Grund. Der Bericht erwähnte, dass Kimberleys Mutter genau das Gleiche getan hatte. Die Angelegenheit galt inoffiziell als abgeschlossen, obwohl der Fall aus formellen Gründen niemals wirklich zu den Akten gelegt worden war.

Markby klappte den Hefter zu und saß noch eine ganze Weile da, während er zum Fenster hinaus und in den nächtlichen Himmel starrte.

Früh am nächsten Morgen wurden die örtlichen Zahnarztpraxen angefahren, und schon beim dritten Versuch trafen die Beamten ins Schwarze. Kimberley Oates’ Krankenakte hatte überlebt, und die Gebisskarte passte perfekt zu den Zähnen des Schädels.

»Sie haben Glück«, sagte die Zahnarzthelferin.

»Mr. Gupta hat mich gebeten, die alten Akten zu vernichten. Wir bewahren sie in der Regel nicht länger als fünf oder sechs Jahre auf.«

Und auf diese Weise hatte sich das, was anfangs ausgesehen hatte wie eine langwierige, mühevolle Suche nach der Identität der Toten, als überraschend einfach herausgestellt, dank Mr. Simon French und einer Zahnarzthelferin, die zu viel Arbeit hatte, um Zeit für die Vernichtung alter Akten zu finden. Markby sagte sich, dass er wirklich dieses absurde Vorurteil gegenüber French aufgeben musste. Sie schuldeten ihm nichts als Dankbarkeit. Sie waren nun sicher, dass Kimberley nicht freiwillig verschwunden war. Sie war ermordet worden.

»Und irgendjemand«, sagte Markby grimmig, »irgendjemand muss damals einen Verdacht gehabt haben. Irgendjemand muss etwas übersehen haben.«

Er ging, um nach Louise Bryce zu suchen, und fand sie vor einem Kaffeeautomaten, wo sie sich einen Pappbecher gezogen hatte.

Sie wirkte übernächtigt und hatte rote Augen. Als sie ihn sah, stellte sie den Becher mit einem Ausdruck der Resignation ab.

»Ich werde losfahren und sehen, ob Mrs. Oates noch unter der gleichen Adresse wohnt, Sir.« Sie nickte in Richtung der Akte, die Markby in der Hand hielt.

»Rein technisch betrachtet ist sie nicht die nächste Angehörige.« Sie verzog die vollen Lippen zu einem schiefen Grinsen.

»Aber Kimberley hat bei ihr gelebt, und moralisch gesehen, wie man so schön sagt, ist sie eine nähere Verwandte als die leibliche Mutter. Wir werden uns mit den walisischen Behörden in Verbindung setzen und uns nach dem Verbleib von Susan erkundigen, doch ich bezweifle, dass sie erfreut sein wird, wieder von uns zu hören.«

Zwölf Jahre waren vergangen, doch Joan Oates hoffte wahrscheinlich noch immer, dass ihre Enkelin am Leben war. Schließlich hatte Susan ihr Zuhause ebenfalls verlassen und überlebt. Die arme alte Mrs. Oates. Zwölf Jahre voller Zweifel, voller Selbstvorwürfe, weil sie offensichtlich nicht nur bei ihrer Tochter, sondern auch bei ihrer Enkelin versagt hatte. Doch es war die Polizei, die Joan Oates im Stich gelassen hatte. Sie hatte versagt, die Wahrheit hinter Kimberleys Verschwinden herauszufinden. Die Polizei allein hatte all die vielen Jahre der Unsicherheit und des Schmerzes zu verantworten.

»Ich werde selbst zu Mrs. Oates fahren«, entschied Markby. Er klopfte auf den Schnellhefter.

»Hier drin ist ein Foto, das offensichtlich auf der Arbeit entstanden ist. Wir werden unseren Freund Mr. Simon French vorladen und nach dem Namen der anderen Frau auf diesem Bild befragen. Vielleicht können wir sie finden. Oh, und an der Wand hinter dem Büfett hängt eine eingerahmte Urkunde oder so etwas. Bringen Sie das Foto ins Labor und lassen Sie es vergrößern; vielleicht können wir erkennen, was es ist. Wahrscheinlich hat es nichts mit dem Fall zu tun, aber wir müssen jeder noch so kleinen Spur nachgehen. Wir haben schließlich nicht gerade viel, womit wir arbeiten können.«

Er klappte den Hefter auf und starrte düster hinein. Dann schob er das Bild von den beiden Kellnerinnen und dem Barmann zur Seite und nahm das Porträt von Kimberley zur Hand. Er betrachtete es stirnrunzelnd.

»Was halten Sie hiervon, Lou? Von diesem anderen Foto, nicht dem Bild von der Arbeit. Wenn Sie mich fragen, sieht es so aus, als hätte sie eine Schuluniform an.«

Louise Bryce nahm die Fotografie entgegen.

»Ja, es ist eines von diesen Schulfotos, Sir. Der Fotograf macht Bilder von allen Schülern. Er weiß, dass so gut wie jede Familie eins kaufen wird. Meine Mutter hat eins von mir zu Hause, fast genau wie dieses hier. Es wurde in meinem letzten Jahr gemacht.«

»Geben Sie es an die Medien weiter. Alle, aber besonders die Lokalpresse, das Regionalfernsehen, was es so gibt. Wenn sämtliche Schüler fotografiert wurden, dann wohnt der ein oder andere vielleicht noch in der Gegend, und das Bild weckt eine Erinnerung. Veranlassen Sie, dass die Sache mit großer Dringlichkeit behandelt wird. Und vergessen Sie nicht die landesweite Presse. Die Menschen ziehen heutzutage von einer Stadt zur anderen, und Gott weiß, wo sie landen! Wir müssen jeden finden, der die junge Frau gekannt hat!«

Ein zwölf Jahre alter Fall. Erinnerungen, die im Lauf der Jahre verblasst waren. Zeugen, die sich in alle vier Winde zerstreut hatten. Simon Frenchs Information war ein überraschender Durchbruch gewesen, doch Markby wäre dumm, wenn er auf einen weiteren hoffte. Sowohl Markby als auch Bryce wussten, dass die weiteren Ermittlungen mühselig werden würden, bis zum Schluss.

Sein Blick fiel auf den Pappbecher mit dem erkaltenden Kaffee, den Bryce ganz vergessen hatte. Er erinnerte Markby an flüssigen Schmutz.

»Oh, und Louise?«, sagte er.

»Gehen Sie in die Kantine und frühstücken Sie um Himmels willen erst einmal vernünftig!«

KAPITEL 6

ES WAR eine kleine Straße, im Grunde genommen nur ein Weg. Sie verlief um das Stadtzentrum herum, hinter einer Gastwirtschaft und einem Autoteilehändler und einem chinesischen Schnellimbiss her. Historisch betrachtet war es eine der ältesten Straßen der Stadt, eine mittelalterliche Gasse, und auf einer Seite war dies noch immer an den Fundamenten der alten Häuser zu sehen. Die andere Seite nahmen die zuvor erwähnten Geschäfte und Läden ein.

Die Gasse war zu schmal für die Bedürfnisse des modernen Verkehrs und aus diesem Grunde Radfahrern und Fußgängern vorbehalten. Gras drückte sich durch die Ritzen im Belag. Hunde sonnten sich ungefährdet auf dem schmalen gepflasterten Bürgersteig oder gar mitten auf der Straße. Katzen strichen munter um die Abfalltonnen des Gasthofs und des Chinarestaurants. Der Lärm vom Verkehr auf der Hauptstraße drang nur leise hierher, gedämpft vom Gewirr alter Ziegel- und Steinmauern, und ließ auf diese Weise eine Insel des Friedens und der Ruhe inmitten des umgebenden Gewimmels entstehen.

Alan Markby hatte seinen Wagen am unteren Ende der Straße geparkt. Langsam schlenderte er nun seinem Ziel entgegen, während er die Spuren der Vergangenheit in sich aufnahm, alte Torbögen, die zugemauert worden waren, oder die Brunnenpumpe, die früher einmal die Anwohner mit Wasser versorgt hatte. Nebenbei achtete er auf die Haustüren, und auf halbem Weg durch die Straße blieb er stehen, um sich zu überzeugen, dass er die richtige gefunden hatte. Es war schwer zu sagen – nur wenige Häuser trugen sichtbare Nummern. Die Eins stand dort, wo er geparkt hatte, und Markby hatte auf dem Weg hierher mitgezählt. Ein oder zwei Häuser trugen Namen wie Rose oder Lorbeer, obwohl weder das eine noch das andere zu sehen war. Der Postbote wusste wahrscheinlich genau, wo jeder wohnte.

Markby musterte das Haus, das mutmaßlich die Nummer sieben trug. Es war ein graues Steingebäude mit niedrigem Dach und winzigen Fenstern in dicken Mauern. Völlig unpassend dazu war hoch oben an der Fassade eine Satellitenschüssel montiert. Es gab keinen richtigen Vorgarten, doch das Gebäude stand ein wenig vom Bürgersteig zurück und war durch eine Eisenkette und einen schmalen unordentlichen Grasstreifen von diesem getrennt. Auf dem Gras räkelte sich eine fette schwarze Katze und beobachtete den Superintendent aus bernsteinfarbenen Augen genauso abschätzig, wie Markby das Gebäude abgeschätzt hatte. Weder Markby noch die Katze schienen sonderlich beeindruckt.

Das kleine Haus benötigte beträchtlichen Aufwand an Zeit und Geld, um einigermaßen an moderne Standards angepasst zu werden, Dinge, die tief greifender waren als eine Satellitenschüssel vor dem Fenster. Im Grunde genommen sah es aus, als wäre seit Jahren nichts mehr gemacht worden. Der Anblick erfüllte Markby mit einer gewissen Unruhe.

Er war gekommen, um Mrs. Oates die traurige Nachricht zu überbringen, und sie, falls sie es einigermaßen gefasst aufnahm, zu fragen, ob sie vielleicht eine Vorstellung hatte, was Kimberley vor so vielen Jahren getan haben könnte, das zu ihrem Tod geführt hatte. Doch als er nun das Haus betrachtete, wurde ihm bewusst, wie lange es her war, dass er selbst als Überbringer schlechter Nachrichten aufgetreten war und an die Türen fremder Menschen geklopft hatte. Zu lange hatte er anderen diese schwere Aufgabe überlassen, während er in seinem Büro am Schreibtisch gesessen hatte. In seinem Eifer, endlich wieder mit Menschen in Kontakt zu treten, hatte er diesen Aspekt völlig übersehen. Vielleicht hätte er doch einen seiner Beamten schicken sollen – jemanden, der noch wusste, was er sagen sollte. Mrs. Oates war eine alte Dame – vielleicht hätte er Louise Bryce schicken sollen. Doch nun stand er hier und musste es hinter sich bringen. Hoffentlich sagte er nichts Falsches.

Eilig ging er zur lila gestrichenen Eingangstür. Die Katze senkte den Kopf und streckte die Ohren nach hinten, als er an ihr vorbeikam, und ihr Schwanz peitschte aufgeregt. Es war ein langer Schwanz mit einem Knick am Ende, der auf wenigstens einen siamesischen Vorfahren hindeutete. Markby wusste nicht viel über Katzen, obwohl er sie mochte und ihre Intelligenz und Agilität bewunderte. Folglich hielt er den Knick für eine alte Verletzung.

»Hallo Miezekatze«, sagte er, während er klingelte.

»Warst du im Krieg?«

Die bernsteinfarbenen Augen schlossen und öffneten sich langsam und in katzenhafter Verachtung. Die Tür wurde geöffnet. Markby stand völlig überrascht einer jungen Asiatin in Jeans und Seidenbluse gegenüber. Sie hatte lange pechschwarze Haare und trug filigrane silberne Ohrringe, die in merkwürdigem Kontrast zu der modernen Stahlrandbrille standen. Markby hatte sie offensichtlich aus der Arbeit gerissen. Sie hielt ihm die Tür auf, während sie mit der anderen Hand ein aufgeklapptes Buch mit dem Titel

»Prinzipien und Anwendung des Schadensersatzrechts« an ihre Brust drückte.

»Sind Sie der Bauunternehmer?«, begrüßte sie Markby wütend. Markby entschuldigte sich, nein, er sei nicht der BauUnternehmer. Er musste nicht fragen, ob die junge Frau Joan Oates war. Sie war es eindeutig nicht. Darüber hinaus hatte sie, wie sich rasch herausstellte, noch nie etwas von einer Person dieses Namens gehört. Sie und ihr Mann, beides junge Anwälte, hatten das Haus zwei Jahre zuvor von einer gewissen Familie Hamilton gekauft.

»Vielleicht versuchen Sie es ein Haus weiter«, schlug sie vor.

»Mr. und Mrs. Archibald. Sie wohnen seit vielen Jahren dort.« Sie schlug Markby die Tür fast vor der Nase zu. Unter weiteren Entschuldigungen zog sich Markby zur Straße zurück, vorbei an der Katze, die ihm, wie es schien, hämisch hinterhergrinste. Er fluchte innerlich. Zwölf Jahre waren eine lange Zeit. Menschen zogen um. Ganz besonders, wenn ein bestimmtes Haus voll schlechter Erinnerungen war. Jeder Anfänger hätte daran gedacht, im Wählerverzeichnis nachzusehen, bevor er hergekommen wäre! Er ging das kurze Stück zum nächsten Haus und hoffte inständig, dass die Nachbarn wussten, wohin Mrs. Oates gezogen war. Der Gedanke, ins Büro zurückzukehren und seinen jüngeren Kollegen gegenüber einzugestehen, dass er versagt hatte, war alles andere als amüsant. Diesmal erzeugte der Druck auf den Klingelknopf eine musikalische Melodie. Im ersten Augenblick glaubte Markby, auch hier kein Glück zu haben. Es dauerte eine ganze Weile, bevor jemand antwortete. Er fürchtete bereits, jedes Haus in der Straße besuchen zu müssen, doch als er im Begriff stand sich abzuwenden, hörte er hinter der Tür schlurfende Schritte nahen. Als Nächstes vernahm er ein schnaufendes Geräusch wie von einem kleinen Blasebalg. Die Tür öffnete sich klickend, und ein Schwall stinkender Luft schlug Markby entgegen. Eine große Frau mit unnatürlich gerötetem Gesicht stand vor ihm. Sie füllte die kleine Haustür völlig aus. Ihr graues Haar hing in unordentlichen Strähnen herab. Sie trug einen Baumwollpullover und einen weiten Blumenrock mit schlaffem Saum. Geschwollene weiße Beine endeten in breiten Füßen, deren Fleisch aus flachen Hausschuhen quoll. Die formlose Brust unter dem Baumwollpullover hob und senkte sich, und ihre Lungen schnauften protestierend, als sie Luft einsogen und wieder ausstießen. Sie hat ein Emphysem!, dachte Markby einigermaßen mitfühlend.

»Ja?« Es war mehr ein Ächzen als eine Frage, und Markby hoffte, dass er sie nicht unnötig erschreckt hatte. Er zeigte seinen Dienstausweis und erklärte, dass er bereits beim Nachbarhaus geklingelt hatte in der Annahme, dass dort Mrs. Oates wohne, doch sie sei wohl schon vor Jahren fortgezogen.

»Sie wissen nicht zufällig, wo ich sie finden kann?«

»Du liebe Güte, nein …«, krächzte Mrs. Archibald und stützte sich mit der Hand am Türrahmen ab.

»Da kommen Sie ein wenig zu spät.« Sie stieß ein Lachen aus, das sich in ein Krächzen und ein weiteres Schnaufen verwandelte.

»Sie ist tot. Gestorben …«, ächzte sie.

»Was?« Noch etwas, woran Markby nicht eine Sekunde gedacht hatte! Zwölf Jahre waren eine sehr lange Zeit.

»Sind Sie sicher?«

»Ob ich sicher bin? Natürlich bin ich sicher, du liebe Güte! Sie ist vor, warten Sie … sie ist vor fast fünf Jahren gestorben. Einfach immer schwächer geworden. Sie war nie wieder die Alte, nachdem das Mädchen verschwunden war.«

»Kimberley?« Markby klammerte sich an ihre Worte wie ein Ertrinkender an den sprichwörtlichen Strohhalm.

»Kannten Sie Kimberley?« Mrs. Archibald kicherte heiser.

»O ja! Die kleine Madame! Wie die Mutter, so die Tochter, sage ich immer.«

»MRS. ARCHIBALD« fragte Markby mit seinem charmantesten Lächeln, »es tut mir wirklich Leid, Sie zu stören. Dürfte ich hereinkommen und Ihnen ein paar Fragen über Kimberley stellen?« Sie betrachtete ihn von oben bis unten.

»Also schön. Hier entlang.« Vielleicht empfing sie nicht viele Besucher. Sie schien jedenfalls nicht abgeneigt, sich mit ihm zu unterhalten. Mrs. Archibald führte ihn in ein kleines, voll gestopftes Wohnzimmer, wo sie auf einen chintzbezogenen Sessel deutete, während sie sich erleichtert in einen zweiten sinken ließ.

»Meine Beine«, erklärte sie.

»Ich bin nicht mehr so gut auf den Füßen.« Er blickte sich unauffällig um, während er sich setzte. Das Zimmer war makellos sauber, doch jeder freie Platz war mit Kitsch und Nippes zugestellt. Auf dem Kaminsims marschierten Porzellantiere. Auf dem Fernsehapparat kokettierte eine Flamencotänzerin. An dem geschwärzten Eichenbalken, der quer unter der Zimmerdecke entlang verlief, waren ein Dutzend oder mehr Pferdegeschirre aufgehängt. Moralische Erbauung war ebenfalls im Überfluss zu sehen. An der Wand hing ein Stück poliertes Holz mit der geschnitzten Pokerweisheit: Verleihe nichts und leihe nichts!

Daneben verkündete eine gerahmte Stickerei, wundervoll gearbeitet:

Vor allen Feinden der Wahrheit, behüte, o Herr, meine Tugend, führe mich durch das Tal der Tränen vorbei an Sünde und Versuchung.

Die Frau beobachtete ihn scharf.

»Das hat die Großmutter meines Mannes gemacht, als sie zehn Jahre alt war. Versuchen Sie mal heutzutage, ein zehnjähriges Mädchen zum Sticken zu bringen!«

Wahrscheinlich hat Mr. Archibalds Großmutter ihre Augen so sehr überanstrengt, dass sie mit fünfunddreißig blind wie eine Fledermaus gewesen ist, dachte Markby.

»Ein hübsches altes Haus«, sagte er höflich.

»’s ist schon seit über hundert Jahren im Besitz der Familie meines Mannes«, verkündete sie stolz.

»Archibald, der Metzgermeister.«

Markby, der seine wenigen Einkäufe in der Regel in einem Supermarkt erledigte und niemals Braten zubereitete, kannte das Geschäft nicht und blickte sie fragend an.

»Ein Familienbetrieb in der Hauptstraße«, erklärte Mrs. Archibald.

»Es ist schon über hundert Jahre alt. Die Archibalds leben seit der Sintflut hier, leben sie.«

Markby meinte, sich dunkel zu erinnern. Vor seinem geistigen Auge schwebte das Bild einer Metzgerei mit einem Schaufenster voller Würste und Schinken und einem großen rosigen Plastikschwein in der Mitte, das Passanten angrinste.

»Also Sie haben Mrs. Oates gekannt«, sagte er. Die alten einheimischen Familien kannten alle und jeden und waren stets über den neuesten Klatsch auf dem Laufenden. Vielleicht hatte er wieder einmal Glück.

»Joan Oates? Ich kannte sie über vierzig Jahre lang. Sie hatte nie Glück. Sie wurde Witwe, als sie gerade acht- oder neunundzwanzig war. Sie hatte eine Tochter, ein süßes kleines Ding, Susie. Aber Susie geriet auf die schiefe Bahn.«

»Wieso?«

»Ihr Höschen saß zu locker«, sagte Mrs. Archibald derb. Markby spürte zu seinem Erstaunen, dass er errötete.

»Ich

verstehe.«

»Sie hatte ein Kind – ich rede jetzt von Susan. Sie bekam ein Kind, als sie gerade sechzehn war. Damals habe ich zu Joan gesagt, Joan, habe ich gesagt, gib das Baby zur Adoption frei. Es gibt genug Leute, die Babys wollen. Es wird ihm gut gehen. Aber nein, Susan wollte ihr Baby unbedingt behalten. Man konnte sehen, dass es für sie nur eine Puppe oder ein Spielzeug war, so, wie sie darüber geredet hat. Sie hatte kein Gefühl für Verantwortung. Das Baby war zum Spielen da. Kimberley, so hat sie das kleine Ding getauft. Irgendwann war sie es satt und ist verschwunden. Sie hat Joan mit dem Baby im Arm sitzen gelassen!« Mrs. Archibald hustete und schnaufte erneut, hustete und schnaufte. Vermutlich hat sie lachen wollen, dachte Markby. Sein anfängliches Mitgefühl für die Frau verging, und er begann eine Abneigung zu entwickeln. Er wünschte, er hätte diese Aufgabe Louise Bryce überlassen. Es war heiß in dem beengten Wohnzimmer, und Markby fühlte sich unbehaglich und schwitzte. Er hoffte, dass Mrs. Archibald es nicht bemerkte.

»Was geschah dann mit Kimberley, dem Baby?«

»Sie war hübsch, genau wie ihre Mutter.« Aus dem Mund von Mrs. Archibald klang es wie ein Gebrechen. Sie hielt inne und dachte nach.

»Aber sie sah ihrer Mutter nicht ähnlich, also muss sie nach ihrem Vater geschlagen sein, wer auch immer er ist. Erst als sie größer war, wurde sie immer mehr wie ihre Mutter. Eine kleine Nutte.« Eine hohe Standuhr in der Ecke schlug, und Markby zuckte zusammen. Mrs. Archibald zog ein Taschentuch aus der Rocktasche und wischte sich damit über das Gesicht.

»Ich komme einfach nicht zurecht mit dem warmen Wetter.« Bevor er ihr Haus betreten hatte, war ihm der Tag eigentlich nicht sonderlich warm vorgekommen. Es hatte zwar aufgehört zu regnen, doch das Wetter war trüb. Jetzt verstärkte sich sein Unbehagen. Wie luftleer das kleine Zimmer doch war, die winzigen Fenster fest geschlossen, und dieser schale, abgestandene Geruch, der alles durchdrang.

»Kannten sie den ein oder anderen von Kimberleys Freunden?«, erkundigte sich Markby verbissen. Mrs. Archibald lehnte sich in ihrem Sessel zurück, stützte die fleischigen Hände auf die Lehnen und starrte Markby an. Ihre Augen standen ein wenig vor.

»Verschlagen, das war sie. Hat Joan nie ein Wort gesagt. Die arme Joan, sie hat sich so schreckliche Sorgen um das Kind gemacht. Hat immer befürchtet, dass es wie seine Mutter werden könnte. Ich war nicht überrascht, als Kimberley durchgebrannt ist. Ein Mann hat dahinter gesteckt, ganz bestimmt hat er das.«

»Sie wissen nicht zufällig, welcher Mann?« Erneut starrte sie ihn an, während sie schnaufend atmete. Ihr massiger Busen hob und senkte sich, und damit einhergehend rasselten ihre Lungen. Sie schien sehr krank zu sein.

»Könnte jeder gewesen sein. Genau wie bei ihrer Mutter. Sie war nicht wählerisch. Sehen Sie sich doch nur diesen Job an, den Kimberley hatte. Sie war bei den großen Partys und den Tanzveranstaltungen und Galas und was weiß ich, immer als Kellnerin. Könnte jemand gewesen sein, den sie dort kennen gelernt hat. Im Grunde genommen jeder. Sie waren Zigeuner, die beiden. Kimberley genauso wie Susan. Es war nicht Joans Fehler. Joan war eine anständige Frau. Sie hat alles versucht, um die Mädchen anständig zu erziehen. Aber diese jungen Dinger heutzutage, sie sind alle gleich. Alle sind sie gleich. Keine Moral, keine Scham, keinen Respekt vor den Eltern. Die Welt ist vor die Hunde gegangen, wenn Sie mich fragen.« Sie blinzelte, und ihre vorquellenden Augen verschwanden unter fetten Lidern.

»Warum sind Sie plötzlich so interessiert an Kimberley? Ist bestimmt schon zehn, zwölf Jahre her, dass sie verschwunden ist.«

»Wir überprüfen lediglich ein paar Einzelheiten«, antwortete Markby ausweichend. Er erhob sich und hätte sich fast den Kopf am Eichenbalken gestoßen.

»Ich danke Ihnen, Mrs. Archibald.« Er sah, wie sie sich abmühte, um auf die Beine zu kommen, und fügte hastig hinzu:

»Bleiben Sie nur sitzen! Ich finde alleine hinaus.« Als er wieder an der frischen Luft war, musste er zunächst gegen aufsteigende Übelkeit ankämpfen. Das kleine beengte Wohnzimmer war klaustrophobisch gewesen, und auf eine gewisse, nicht fassbare Weise hatte es Unbehagen in ihm er weckt. Ein ganzes Jahrhundert lang respektable Geschäftsleute. Hart arbeitend, sparsam, fromm und streng. Vorbestimmte Leben und engstirnige Köpfe, dachte Markby, während er die Straße hinunter zu seinem Auto ging. Nach Mrs. Archibalds Meinung hatte sich die Welt offensichtlich verschlechtert. Markby hingegen war überzeugt, dass die Welt besser war als früher.

Sergeant Prescott war mit der Aufgabe betraut worden, Simon French aufzusuchen und ihm die Fotografie vorzulegen. Um sich unnötige Mühen zu ersparen, rief er zuerst in Frenchs Restaurant an, was sein Chef sicherlich wohlwollend zur Kenntnis genommen hätte.

»Könnte ich Sie vielleicht noch einmal sprechen, Mr.

French?«

»Wozu?«, entgegnete French mit erwachendem Misstrauen.

»Ich war bei Ihnen im Präsidium und habe alles erzählt, was ich weiß.«

»Ja, das haben Sie, Sir, und dafür sind wir Ihnen zu Dank verpflichtet. Aber ich habe hier etwas, von dem ich möchte, dass Sie einen Blick darauf werfen. Es wird nur ein paar Minuten dauern, Sir.«

»Sie können nicht in mein Restaurant kommen!«, widersprach French.

»Ich meine, als Gast sind Sie natürlich jederzeit willkommen, Sergeant. Wirklich, ich hoffe sehr, dass Sie unser Restaurant einmal ausprobieren! Ich meine, es wäre mir lieb, wenn Sie nicht beruflich vorbeikommen. Offen gestanden, so etwas verursacht Gerede. Mein Personal – einige sind noch sehr jung. Sie kommen auf dumme Gedanken. Sie machen blöde Witze. Es würde meine Autorität untergraben.« Prescott hatte eine passende Antwort auf der Zunge, doch er beschränkte sich darauf zu sagen:

»Könnten Sie dann bitte zu uns kommen, Sir?«

»Also schön«, gab French widerwillig nach. Eine halbe Stunde später traf er in Prescotts Büro ein und saß gequält da, während er darauf wartete, dass Prescott ihm das Bild zeigte, auf dem auch er selbst, jünger und unschuldiger, zu sehen war.

»Sie sind im Augenblick unsere einzige Spur, Mr. French«, sagte Prescott mit einer hölzernen Höflichkeit, die jeder mit Leichtigkeit durchschaut hätte, der nicht so völlig von sich eingenommen war wie sein gegenwärtiger Besucher. French jedoch ließ sich einwickeln, und seine Stimmung stieg augenblicklich.

»Also das hier ist Kimberley«, antwortete er geschmeichelt und deutete auf den molligen Teenager.

»Was ist mit der anderen jungen Frau? Erinnern Sie sich an sie? Ihr Name würde uns weiterhelfen.«

»Ich habe ein ausgezeichnetes Namensgedächtnis!«, sagte French selbstgefällig.

»Schätze, ich vergesse nie einen Namen.« Er tippte auf das Foto.

»Die andere Frau hieß Jennifer. Der Familienname war ausländisch. Irgendetwas Polnisches oder so. Warten Sie, Jennifer Jurko … nein, Jurawicz. Ganz sicher. Jennifer Jurawicz. Die Leute hatten immer Mühe, ihren Namen auszusprechen. Jennifer war ein nettes Mädchen.« French nickte.

»Sie war nur kurze Zeit bei uns. Sie fand einen besseren Job, bei dem sie nur tagsüber arbeiten musste. Ich habe gehört, dass sie kurze Zeit später geheiratet haben soll. Aber ich bin nicht ganz sicher.« Sie ließen ihn gehen. Er schoss aus dem Büro, und wenige Minuten später hinterließen die quietschenden Reifen eines neuen Porsche Spuren im Asphalt des Parkplatzes, als er zu seinem Restaurant zurückraste. Prescott beobachtete es von seinem Fenster aus.

»Hoffen wir nur, dass die neue Radarfalle draußen in Bamford ihre Arbeit macht. Vielleicht kriegen sie diesen Kerl wenigstens wegen zu schnellen Fahrens an den Haken, wenn schon nicht anders.«

»Beten wir lieber, dass er sich nicht auf der Straße totfährt!«, sagte Louise Bryce.

»French ist im Augenblick unsere einzige Spur. Fangen Sie an, nach dieser Jennifer Jurawicz zu suchen. Es dürfte nicht schwer sein, sie zu finden! Wie viele polnische Familien kann es damals in Bamford schon gegeben haben? French sagt, dass sie möglicherweise geheiratet hat. Falls ja, dann aller Wahrscheinlichkeit nach in einer katholischen Kirche. Bitten Sie den Pfarrer, in seinem Register nachzusehen. Gehen Sie zur katholischen Grundschule. Vielleicht ist sie dort zur Schule gegangen. Vielleicht gibt es sogar noch eine Adresse der Familie? Existiert so etwas wie ein polnischer Club oder eine Vereinigung? Sie muss aufzuspüren sein!« Mit diesen Worten verließ Bryce das Büro, um einer anderen Spur zu folgen, die sie zu Kimberleys ehemaligem Arbeitgeber führte.

Bryce hatte vorher im Büro von Partytime Caterers angerufen und Bescheid gesagt, dass sie auf dem Weg war. Niemand dort hatte sich erboten, der Polizei Zeit und Mühe zu ersparen und selbst zum Bezirkspräsidium zu kommen. Im Gegenteil, Bryce hatte sich einen Termin geben lassen müssen, um überhaupt irgendjemanden sprechen zu können, und das erst nach einem heftigen Wortwechsel mit der Sekretärin der Geschäftsführung.

Mit schockierter Stimme hatte diese Person Bryce in Kenntnis gesetzt, dass ohne Termin überhaupt nichts lief.

»Mrs. Stapleford hat einen engen Terminplan.«

»Genau wie ich!«, hatte Bryce in das Telefon gefaucht, doch dann hatte sie sich den Termin geben lassen. Partytime war in einem einstöckigen Fertiggebäude am Stadtrand untergebracht, zwischen einer belebten Hauptstraße und dem Sportgelände einer privaten Vorbereitungsschule. Die Schule selbst lag hinter hohen Mauern und Bäumen verborgen. Nicht so Partytime, das für jeden Vorbeifahrenden deutlich sichtbar war; man hatte sämtliche die Sicht behindernden Bäume gefällt, mit oder ohne Genehmigung. Der Name der Firma leuchtete in frischen Farben auf einem hellen Schild neben dem Eingang, dekoriert mit einer skizzierten Kochmütze und Papierschlangen. Man hatte keine Mühen gescheut, um den Eindruck eines florierenden Unternehmens zu erwecken. Auf dem Firmenparkplatz standen mehrere Fahrzeuge zusammen mit einem Lieferwagen, der das Logo der Firma trug.

Bryce betrat das Gebäude und bemerkte neben einem durchdringenden Geruch nach Curry alle Anzeichen durchorganisierter Effizienz und erst kürzlich zurückliegender weitläufiger Modernisierung.

Ursache dafür war sicherlich die neue Geschäftsführerin, Pauline Stapleford, eine Dame unbestimmbaren Alters mit kurz geschnittenem, kastanienbraun gefärbtem Haar. Sie besaß die Art von konturloser, schlanker Figur, die bei Frauen ab einem gewissen Alter als elegant galt, und trug dazu passend ein maßgeschneidertes graues Kostüm mit einem unvorteilhaft weit ausgeschnittenen Pullover, der den Blick in tiefe Abgründe enthüllte, nur unzureichend bedeckt von einer schweren goldenen Kette. Ihre Nägel waren rot lackiert, und an den Fingern trug sie dicke Ringe.

Sie begrüßte Bryce mit einem:

»Nun, Inspector, ich kann nicht mehr als zehn Minuten für Sie erübrigen, höchstens. Ich habe einen Termin mit einem wichtigen Kunden.«

Bryce biss auf die Zähne und zwang sich zu einem Lächeln. Selbstverständlich hätte sie darauf hinweisen können, dass Morduntersuchungen einen gewissen Vorrang hatten, doch das hätte bei Stapleford wohl kaum gezogen. Sie erklärte den Zweck ihres Kommens.

Als sie fertig war, antwortete Stapleford mit einem verächtlichen Schnauben.

»Zwölf Jahre! Hören Sie, meine Liebe, was glauben Sie eigentlich, wie viel Platz wir haben, um alte Formulare und Rechnungen aufzubewahren?«

»Aber Sie müssen doch Belege für das Finanzamt aufbewahren!«, entgegnete Bryce mit wachsender Verbitterung. Es war die einzige Möglichkeit, mit Stapleford fertig zu werden.

Die Geschäftsführerin lachte freudlos auf.

»Sieben Jahre, meine Liebe, müssen wir alte Rechnungen und Belege aufbewahren. Wenn wir dieses Zeug tatsächlich zwölf Jahre lang verwahren müssten, würden wir bis zu den verdammten Hälsen in Papier stecken. Außerdem hat die Firma seit damals den Besitzer gewechselt.«

»Aber Sie haben doch sicher Bücher, oder?«, beharrte Bryce.

»Bücher?« Stapleford starrte sie an, als hätte Bryce von antiken Artefakten gesprochen.

»Das ist alles im Computer, meine Liebe!«

»Ich bin im Grunde nur an den Personalakten interessiert«, erinnerte sie Bryce. Stapleford wurde zunehmend ungeduldig und blickte auf ihre Uhr.

»Unsere Buchhaltung verfügt über sämtliche Einzelheiten der fest angestellten Mitarbeiter. Falls Sie Barpersonal und Kellner suchen, dann muss ich Ihnen sagen, dass wir in diesem Gewerbe viel Personal auf Abruf beschäftigen. Wir lernen es richtig an, aber die Leute kommen und gehen. Keiner arbeitet länger als zwei oder drei Jahre bei uns. Als ich die Firma übernahm, habe ich sämtlichen alten Kellnern und Kellnerinnen ausnahmslos gekündigt.«

»Jede Wette«, murmelte Bryce. Stapleford hatte es gehört, doch sie nahm es als Kompliment auf.

»Das ist richtig. Neue Besen kehren gut. Ich wusste genau, welches Image ich für die Firma wollte, und dazu passten keine alten Tantchen in Rüschenschürzen, die mit den Kanapees umherstaksten. Aufmerksam, adrett, jung! Das wollte ich, und das habe ich bekommen! Ich habe diese Firma wieder auf die Beine gestellt! Als ich gekommen bin, hat sie Verlust gemacht, und jetzt bringt sie Gewinn. Das können nicht viele Firmen von sich sagen, nicht nach einer so langen landesweiten Rezession, oder?« Sie hatte Recht. Sie hatte voll und ganz Recht. Bryce zollte Pauline Stapleford widerwilligen Respekt für ihren geschäftlichen Scharfsinn.

»Also arbeitet hier niemand mehr, der sich an Kimberley Oates erinnern könnte?« Sie zog das Porträtfoto des Mädchens hervor. Pauline warf einen abschätzigen Blick darauf und gab es zurück. Bryce versuchte es mit dem PartytimeBild, auf dem die drei jungen Kellner neben dem Büfett zu sehen waren. Damit weckte sie Pauline Staplefords Interesse. Die Geschäftsführerin betrachtete das Bild gründlich.

»Sehen Sie sich dieses Büfett an! Dieses Zeug haben sie angeboten, als ich den Laden übernahm. Traditionelles kaltes Büfett. Die Menschen haben keine Lust mehr auf diesen Kram. Ältere Leute vielleicht, und auf Hochzeiten wird es auch noch serviert. Aber jüngere Leute wollen aufregendes Essen! Wir machen alles, was Sie wollen – karibisch, mexikanisch, griechisch, was Sie sich nur wünschen.« Sie betrachtete das Bild erneut, machte

»Ts, ts!« und fuhr fort:

»Man muss ein richtiges Kunstwerk aus der Büfetttafel machen, nicht einfach alles hinwerfen! Wir hatten eine Tischdekoration aus Kokosnüssen und Palmwedeln auf dem Hawaiianischen Abend, den wir letzte Woche beliefert haben. Alles echt. Jeder hat es bewundert. Ich halte nichts von Plastik. Es sieht einfach nur billig aus.«

»Ich meinte, Sie sollen sich diese drei jungen Leute ansehen!«, sagte Bryce verärgert.

»Sie würden jedenfalls nicht in meinem Geschäft arbeiten, nicht mit diesen unordentlichen Frisuren!«, sagte Pauline Stapleford.

»Ich habe die drei noch nie gesehen. Aber wie auch. Wann wurde diese Aufnahme gemacht? Vor zehn, fünfzehn Jahren?«

»Gibt es jemanden in Ihrer Firma, mit dem ich reden könnte? Irgendjemanden, der bereits vor zwölf Jahren hier gearbeitet hat? Einen Hausmeister vielleicht? Einen Nachtwächter?« Pauline Stapleford gab Bryce die Fotos zurück.

»Einen Nachtwächter? Wir haben eine Wachfirma beauftragt. Sie gehen mit Hunden Streife. Junge Burschen, größtenteils ehemalige Soldaten. Manche waren auch bei der Polizei! Tut mir Leid, dass ich nicht die Zeit habe, Ihnen Kaffee anzubieten, Inspector.« Sie warf einen weiteren bedeutungsvollen Blick auf ihre Armbanduhr und erhob sich.

»Ich kann es mir nicht leisten, zu spät zu kommen. Man darf Kunden nicht warten lassen. Zeit ist Geld, und zu spät zu kommen bedeutet verlorene Aufträge.«

»Schon gut, kein Problem«, sagte Bryce, während sie die Fotos einsteckte und ihre Sachen an sich nahm.

»Danke für Ihre Hilfe.«

KAPITEL 7

LOUISE BRYCE war nicht die Einzige, die einen frustrierenden Morgen verbrachte.

»Ich sehe die Angelegenheit so«, sagte Mr. Truelove, »dass wir es endlich hinter uns bringen und das alte Mädchen begraben!« Pater Holland betrachtete den Nachlassverwalter mit deutlicher Missbilligung.

»Die Polizei ist aber noch nicht fertig mit dem Gresham-Grab.«

»Ich weiß nicht, wie Sie das sehen«, entgegnete Truelove, »aber soweit es mich betrifft, können wir das Gresham-Grab ruhig vergessen. Wir haben uns bemüht, Miss Greshams letztem Wunsch nachzukommen, aber es ging nicht und fertig! Ich meine, wir können sie jetzt wohl kaum noch im Grab ihrer Eltern beisetzen, oder? Nachdem man dort ein Mordopfer gefunden hat? Das Grab ist doch sicherlich entweiht oder so. Sie müssten das am besten wissen, Sie sind der Vikar.« Pater Holland seufzte und blickte sich im Büro des Anwalts um. Aktenschränke aus Metall und ein Regal mit dicken Nachschlagewerken reihten sich an den Wänden. Jedes dieser Bücher enthielt Antworten auf Dutzende von juristischen Fragen. Man schlug darin nach, und dort stand es schwarz auf weiß. Moralische Fragen jedoch, Konflikte, die Pflicht und Loyalität betrafen – wo fand man die Antworten darauf? In der Bibel oder in einem Gebetbuch, falls man ein religiöser Mensch war. Im Herzen, würden andere sagen. Dein Gefühl sagt dir, ob etwas richtig ist oder falsch. Pater Hollands bärtiges Gesicht verzog sich zu einer Miene der Frustration. Mr. Truelove schaukelte auf seinem Stuhl hinter dem unaufgeräumten Schreibtisch, während er die Hände verschränkte und ungeduldig fragte:

»Nun?«

»Was? Oh, ja … nun ja, ich schätze, ich stimme Ihnen zu. Tatsächlich sind bereits mehrere Gemeindemitglieder an mich herangetreten. Sie halten es für falsch, wenn Mrs. Gresham nach dieser Geschichte im Grab ihrer Eltern beigesetzt wird. Auf dem neuen Friedhof gibt es genügend Platz. Allerdings werden sich dadurch die Kosten für die Beisetzung erhöhen.«

»Ihr Nachlass reicht zur Begleichung aus.« Truelove las in einem handgeschriebenen Brief, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

»Ich habe Nachricht von Mrs. Greshams alleinigem Erben. Einem Patensohn, der in Neuseeland lebt. Er wird nicht zur Beerdigung kommen, und soweit ich die Sache sehe, wird niemand Protest einlegen, wenn wir die alte Dame nicht zu ihren Eltern legen. Wer soll es außerdem erfahren, offen gestanden?«

»Sicher. Es ist nur … sie wollte es so«, widersprach Pater Holland. Der Protest klang selbst in seinen eigenen Ohren naiv. Glaubte Mr. Truelove an irgendeine Form von Leben nach dem Tod? Wahrscheinlich nicht. Und sich für jemanden einzusetzen, der aufgehört hatte zu existieren, war in seinen Augen reine Zeitverschwendung. Außerdem klang das, was Mrs. Greshams Nachlassverwalter vorgeschlagen hatte, äußerst vernünftig. Es war unrealistisch anzunehmen, dass Mrs. Gresham jetzt noch bei ihren Eltern begraben werden konnte. Doch die sterbende alte Dame hatte Pater Hollands Hand wie mit einer Vogelklaue gehalten und ihn gebeten, dafür Sorge zu tragen, dass ihr letzter Wunsch erfüllt wurde. Alles in Holland, sein ganzes Herz sagte ihm, dass er es wenigstens versuchen sollte.

»Jeder kann so einen letzten Wunsch in seinem Testament zum Ausdruck bringen«, sagte der Nachlassverwalter.

»Letztendlich ist es Sache der Erben, wie man begraben wird. Ich meine, sie sind diejenigen, die alles arrangieren müssen. Ich weiß, der alte Macpherson war großartig, wenn es um fantasievolle Testamente ging mit Seiten voller Kodizille und besonderer Wünsche. Ich sage meinen Klienten, sie sollen es möglichst einfach halten. Wenn man jemandem einen Diamantring vermacht, ohne genau zu spezifizieren, welcher Ring gemeint ist, dann kostet das jede Menge Zeit und Geld und Nerven. Am Ende, wenn alles geregelt ist, kann niemand das verdammte Ding finden, und die Scherereien hören überhaupt nicht mehr auf. Selbstverständlich bemühen wir uns, alle Wünsche zu erfüllen. Wir haben versucht, die alte Dame gemäß ihrem Wunsch beizusetzen. Es ging nicht, und wir müssen anders disponieren. Wann könnten Sie es tun?«

»Äh, was? Die Beerdigung abhalten?« Es gelang Holland nicht, seine Verärgerung zu unterdrücken.

»Ja. Warten Sie mal.« Truelove schwenkte auf seinem Stuhl herum und blätterte in einem Terminkalender auf einem Beistelltisch.

»Am kommenden Montag, ginge das? Da wäre ich noch frei.«

»Ich weiß nicht!«, schnappte Pater Holland. Er zog einen Taschenkalender hervor und klappte ihn auf. Unwillig sagte er:

»Ja, Montag wäre möglich. Aber es ist recht kurzfristig für Personen, die der Feier beiwohnen möchten.«

»Nein, ist es nicht«, widersprach Truelove.

»Sie wäre inzwischen längst unter der Erde, wenn Bill und Ben nicht dieses Skelett ausgegraben hätten.«

»Denny und Gordon!«, knurrte Pater Holland, ohne auf den Scherz des Anwalts einzugehen.

»Also am Montag. Ich werde es notieren. Ich sage Ihnen was«, erbot sich der Anwalt großzügig.

»Ich werde ein paar Leute anrufen, die möglicherweise der Beerdigung beiwohnen möchten. Ich informiere sie über den neuen Termin, was halten Sie davon?«

»Danke sehr!«, schnappte Pater Holland, und sein schwarzer Bart sträubte sich.

»Gehört alles zur normalen Arbeit«, sagte Mr. Truelove.

»Genau wie bei Ihnen auch, oder nicht? Sie werden den Wieheißen-sie-noch-gleich, den Lowes sagen, dass sie ein neues Grab ausheben sollen, ja? Auf dem neuen Friedhof. Aber stellen Sie bitte sicher, dass sie uns nicht noch einmal Scherereien machen und ein weiteres Skelett ausgraben! Sagen Sie ihnen, dass sie ein hübsches, leeres Stück Boden aussuchen sollen.«

»Sie stehen doch selbst in Verbindung mit dem Friedhofsamt!«, grollte Pater Holland.

»Bitten Sie die Beamten doch, Ihre Nachricht für Denny und Gordon weiterzugeben!« Er stampfte hinaus.

Am Samstagmorgen machte sich Meredith auf den Weg, um ihr Versprechen einzulösen.

Sie hatte inzwischen genügend Zeit gefunden, um ihr Angebot zu bedauern, Pater Holland nicht näher spezifizierte Hilfe zu leisten. Es war ein augenblicklicher Impuls gewesen, und jetzt hatte sie den Besuch einer sehr alten Lady am Hals, die zehn zu eins nicht wusste, wer Meredith war oder warum sie gekommen war.

Doch nachdem sie Holland einmal gesagt hatte, dass sie es tun würde, konnte sie sich nicht mehr herauswinden. Sie würde Holland noch an diesem Abend wiedersehen, bei den Holdens, und er würde eine Art Bericht erwarten. Außerdem kam eine gewisse Konditionierung hinzu. Jahrelang hatten sich Menschen auf sie verlassen, hatten mehr als einmal niemanden außer ihr gehabt, an den sie sich wenden konnten, und das hatte ihr ein Bewusstsein für Pflichterfüllung gegeben. Wahrscheinlich das gleiche nagende Gefühl, von dem auch James Holland erfüllt war. Ironisch fragte sie sich, ob sie eine gute Pfarrersfrau abgegeben hätte. Aber nein. Sie besaß nicht genügend Geduld, und verschiedene Episoden aus ihrer Vergangenheit würden die notwendige Prüfung kaum bestehen.

Meredith machte sich auf den Weg zum Cedars Nursing Home, in der Hoffnung, dass dieser Dienst ihr wenigstens ein paar Pluspunkte auf der himmlischen Rechnung bescheren und die zahlreichen Minuspunkte mildern würde, die der heilige Petrus bereits unter ihrem Namen aufgezeichnet hatte.

Tatsächlich entsprang ihr Zögern weniger dem vor ihr liegenden Besuch als einer Episode aus ihrer Vergangenheit. Als sie in diese Gegend gezogen war, hatte sie zuerst in Westerfield gewohnt. Dort hatte sie Alan kennen gelernt. Beim Anblick des Straßenschilds stieg ein Schwall von Erinnerungen in ihr auf, viele davon schmerzhaft. Aus der Begegnung mit Alan war etwas entstanden, das keiner von beiden vorausgesehen hatte. Auch andere Dinge hatten überraschende Wendungen genommen. Es war unmöglich, ein aufkommendes Gefühl der Traurigkeit zu unterdrücken.

Doch die Zeit war vorbei, und das Leben ging weiter. Sie konnte Westerfield nicht ausweichen. Sie lebte in der Nähe des kleinen Ortes, und sie war mehrmals hindurchgefahren. Jedes Mal, wenn sie in die Nähe kam, verspürte sie den Drang, das Gaspedal durchzutreten. Doch heute war es anders. Heute würde sie nicht durch Westerfield durchfahren, heute war Westerfield ihr Ziel.

Es hatte sich nicht sehr verändert, bis auf die Tatsache, dass am Stadtrand ein neues Wohngebiet aus dem Boden gestampft worden war. Fantasielose Kästen von Häusern, dachte Meredith, zusammengepfercht auf winzigen Grundstücken mit lächerlichen Vorgärten und großen kommerziellen Parkplätzen anstelle von Garagen. Es hatte Westerfield nicht verbessert. Sie passierte die Kreuzung zur ehemaligen Pfarrei und wandte den Blick ab – nicht bevor sie ein Schild sah, nach dem das Haus heute ein neues Geschäftszentrum beherbergte, das von einer ihr völlig unbekannten Firma unterhalten wurde. Sic transit gloria mundi.

Das Cedars war ein weiteres altes Haus, das man völlig umgebaut und in ein privates Altenpflegeheim umgewandelt hatte. Es stammte aus einer Zeit, als Grund und Boden noch billig gewesen waren, und es war umgeben von weitläufigen, gepflegten Rasenflächen. In der Mitte einer dieser Flächen stand der Baum, der dem Haus den Namen gegeben hatte.

Meredith war inzwischen ausgestiegen. Sie lehnte an ihrem Wagen, die Arme vor der Brust verschränkt, und ließ den Anblick auf sich wirken. Es war ein hübscher Anblick. Alles sah teuer aus. Dies war kein Pflegeheim, das mit einem engen staatlichen Budget zurechtkommen musste. Es war gedacht für Menschen, die entweder genügend Geld besaßen oder deren Familien es sich leisten konnten, dafür zu zahlen, dass ihre Alten die letzten Jahre in angenehmem Komfort verbrachten.

Meredith zögerte. Es widerstrebte ihr, die Türen zu durchschreiten. Wir stellen uns alle vor, dass wir eines Tages anders enden, dachte sie. Wir sehen uns nicht in Pflegeheimen, ganz gleich, wie gut oder schick sie sein mögen. Sag, was du willst – wenn man erst einmal in einem dieser Heime gelandet ist, kommt man lebend nicht wieder heraus.

Die Eingangshalle passte zum Exterieur des Hauses. Alles war geschmackvoll und auf Hochglanz poliert. Blumenvasen standen an den strategisch richtigen Stellen. Über allem lag der Ausdruck erhabener Vornehmheit. Man hatte viel Mühe darauf verwandt, den Eindruck zu erwecken, dass es sich eigentlich gar nicht um ein Altenpflegeheim handelte, sondern um eine Art Hotel für ältere Dauergäste. Neuzugänge sowie deren Familienangehörige waren sicherlich dankbar für die wohlgemeinte Täuschung.

Der schwache Geruch nach gegartem Gemüse verdarb den Eindruck ein wenig, und aus einem Aufenthaltsraum war ein Fernseher zu hören, auf höchste Lautstärke aufgedreht. Beide Faktoren zusammen zerrissen den Schleier der Vornehmheit. Dies war ein Heim für alte Menschen, ganz gleich, wie sehr man sich bemühte, diese Tatsache zu überspielen.

Die Oberschwester war eine kleine stämmige Frau mit rotem Gesicht und derben Zügen. Im Einklang mit der allgemeinen Politik des Heims trug sie keine Uniform, sondern ein Kattunkleid. Das dichte graue Haar war glatt nach hinten gekämmt und stand hoch wie eine Drahtbürste. Sie sieht aus, als hätte sie in einer Windbö der Stärke neun gestanden, dachte Meredith. Der Eindruck verstärkte sich, als die Schwester sprach.

»Hallo!«, dröhnte sie Meredith entgegen.

 

Meredith erklärte, wer sie war, und nannte den Grund ihres

Kommens.

»Wir haben bereits von Ihnen gehört!«, brüllte die Schwes ter fröhlich.

»Der Padre hat angerufen. Daisy wird sich freuen. Sie mag es, neue Gesichter zu sehen. Sie sitzt draußen auf der Veranda.« Auf dem Weg dorthin kam Meredith am Tagesraum vorbei. Auf einem monströsen Fernsehschirm lief ein völlig unangemessenes Kinderprogramm. Drei alte Damen saßen davor. Zwei von ihnen unterhielten sich und ignorierten den Apparat. Die dritte war eingeschlafen. Neben ihrem Sessel stand aus unerfindlichen Gründen ein Koffer. Wie können sie sich bei diesem Lärm nur unterhalten oder gar schlafen?, fragte sich Meredith.

»Sie mögen es, wenn der Fernseher läuft«, sagte die Tagesschwester in rauem Flüsterton.

»Er gibt ihnen das Gefühl, als würde ringsum etwas geschehen. Langeweile ist ein ernstes Problem, wissen Sie? Wir laden Leute ein, die Vorträge halten und Filme zeigen. Der Padre hat gesagt, Sie wären ziemlich gut. Sie könnten nicht vielleicht vorbeikommen und bei uns einen kleinen Vortrag halten?«

»Ich denke darüber nach«, sagte Meredith und verbarg ihr Erschrecken nur mühsam.

»Etwas ganz Einfaches, Kurzes, wissen Sie? Die meisten schlafen sowieso mittendrin ein.« Die Veranda war von Glas umschlossen und lag auf der Südseite des Hauses. Mehrere ältere Menschen dösten in Liegestühlen vor sich hin und untermauerten damit die Worte der Schwester. Eine einzelne Frau war wach und verlangte lauthals zu wissen, wer ihre Zähne weggenommen hätte. Erneut stieg das ungute Gefühl in Meredith auf.

»Wir kümmern uns gleich darum, keine Sorge«, versicherte die Schwester der Besitzerin der verlorenen Zähne und schob Meredith weiter. Daisy Merrill war, wie Meredith zu ihrer ausgesprochenen Erleichterung feststellte, eine lebhafte schmale, kleine Person, die kerzengerade in einem Korbstuhl saß, eine bunte Häkeldecke über den Beinen und eine Brille am unteren Ende der Nase. Es sah aus, als hätte sie in der Zeitung gelesen. Alles deutete darauf hin, dass sie ihren Verstand beisammenhatte.

»Ah, mein Besuch!«, sagte sie und legte die Zeitung beiseite.

»Wie schön, dass Sie gekommen sind, meine Liebe. James Holland hat uns angerufen und alles über Sie erzählt!« Das war ein viel versprechender Anfang, andererseits fragte sich Meredith, welche Geschichten James Holland den alten Leuten erzählt hatte.

»Es tut ihm Leid, dass er nicht selbst kommen konnte. Wie geht es Ihnen, Mrs. Merrill?«

»Nennen Sie mich Daisy. Jeder nennt mich so. Mir geht es gut, danke. Bitte richten Sie James aus, dass ich verstehe, wie es im Augenblick um ihn bestellt ist und wie beschäftigt er sein muss. Es ist dieser schreckliche Mord, nicht wahr? Ich habe in der Zeitung darüber gelesen.« Daisy blätterte in der Zeitung, bis sie den gewünschten Artikel gefunden hatte.

»Hier steht alles drin. In der nationalen Presse, stellen Sie sich vor! Sie haben sogar ein Foto des Mädchens abgedruckt!« Vielleicht war Miss Merrill eine jener Personen, die sich hauptsächlich für Geschwätz interessierten, vorzugsweise grausige Nachrichten. Vielleicht übten Geschichten von Untaten und Metzeleien auf die Bewohner des Cedars eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Vorsichtig antwortete Meredith:

»Ja. Diese Geschichte hat tatsächlich viel Interesse erweckt.«

»Es ist kein schlechtes Foto, wissen Sie?«, sagte Miss Merrill fachmännisch. Meredith hielt das Bild eher für unscharf und eine insgesamt schlechte Reproduktion.

»Sehr gut, wirklich sehr gut«, sagte Miss Merrill in direktem Widerspruch. Noch unerwarteter fügte sie hinzu:

»Sie ist gut getroffen.« Meredith spürte, wie sich in ihrem Bauch etwas zusammenzog.

»Getroffen? Woher wissen Sie das?« Daisy Merrill faltete die Zeitung so, dass das Foto von Kimberley zu sehen war, ohne Merediths Frage gleich zu beantworten. Stattdessen sagte sie zögernd:

»Ich bin froh, dass Sie gekommen sind. Ich möchte nämlich jemanden um Rat fragen. Ich könnte die Schwester fragen, aber sie hat immer so viel zu tun. Außerdem möchte ich eine unparteiische Meinung. Sie sehen aus, als könnten sie sich in die Lage anderer Menschen hineinversetzen. Bestimmt können Sie mir einen praktischen Rat geben.«

»Nur zu, fragen Sie. Ich weiß allerdings nicht, ob ich helfen kann.« Meredith nahm in einem Stuhl neben der alten Dame Platz und bemühte sich, ihre Erregung nicht offen zu zeigen. Zu leicht konnte sie Daisy erschrecken, und dann war es vorbei mit dem vertraulichen Ton.

»Worum geht es denn?« Daisy hielt ihr erneut die Zeitung hin.

»Es geht um das Mädchen, wissen Sie?« Mit einem runzligen Finger deutete sie auf das unscharfe Bild.

»Ich denke darüber nach, ob ich die Schwester bitten soll, die Polizei anzurufen. Ich habe Angst, nur ihre Zeit zu verschwenden. Auch wenn hier in der Zeitung steht, dass sie mit jedem sprechen möchten, der sie gekannt hat.«

»Sie kannten sie?« Meredith setzte sich mit einem Ruck auf.

»Sind Sie sicher? Ich meine, verzeihen Sie, natürlich sind Sie das. Woher kannten Sie das Mädchen?«

»Zunächst einmal habe ich sie zur Welt gebracht.« In Daisys Augen zeigte sich ein Glitzern, als sie die Überraschung auf dem Gesicht ihrer Besucherin erkannte.

»Ich war Hebamme. Hat James Ihnen das nicht gesagt? Offensichtlich nicht. Andererseits – warum sollte er? Ich habe den größten Teil meines Berufslebens in Bamford und Umgebung gearbeitet. Ich habe eine ganze Generation zur Welt gebracht, nicht nur die kleine Kimberley.«

»Und Sie haben den Kontakt aufrechterhalten?« Anscheinend hatte sie das, denn sie hatte auf dem Bild in der Zeitung Kimberley Oates als Teenager wiedererkannt. Daisys runzlige Hände lagen auf der Zeitung. Ihre verblassten Augen starrten an Meredith vorbei und durch die Fenster der Veranda hinaus in den Garten, und sie sah Dinge, die nicht dort draußen waren.

»Wenn man so vielen Müttern bei der Geburt hilft, dann erinnert man sich nicht mehr an alle. Doch die Oates-Familie war in mehrerlei Hinsicht keine gewöhnliche Familie. Zunächst einmal war Kimberleys Mutter Susan sehr jung. Sie war gerade sechzehn, und der Hausarzt der Familie wollte, dass das Kind im Krankenhaus zur Welt kommt. Es war wirklich kein Fall für eine Heimgeburt. Aber Susan widersetzte sich jeder Form von Autorität. Sie war ein eigenwilliges Mädchen, und sie hörte nicht auf den Rat anderer. Sie sagte, dass sie nicht in ein Krankenhaus gehen würde und dass sie ihr Baby zu Hause zur Welt bringen wollte. Und das tat sie dann auch.«

»War es eine unkomplizierte Geburt?«, fragte Meredith.

»O ja. Hätten wir Probleme erwartet, hätten wir darauf bestanden, dass sie ins Krankenhaus geht. Aber nein. So junge Mütter gebären ihre Kinder häufig leicht. Es war ein Mädchen, ein wunderschönes Kind.« Daisy seufzte.

»Und natürlich verkündete Susan aller Welt, dass sie es behalten würde.« Die Zeitung raschelte und glitt zu Boden. Meredith hob sie auf und faltete sie wieder zusammen. Daisy wandte sich direkt zu ihr.

»Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Viele allein erziehende Mütter geben ausgezeichnete Eltern ab und kommen wunderbar zurecht. Aber ich konnte sehen, dass das nicht für Susan galt. Sie besaß kein Verantwortungsgefühl, und wie ich bereits sagte, sie nahm von niemandem Rat an. Die Worte gingen zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder heraus. Ich habe gleich gesehen, dass die ganze Last der Erziehung früher oder später unausweichlich auf Susans Mutter ruhen würde, Joan Oates. Sie war Witwe, nicht mehr die Jüngste und nicht robust. Es erschien mir so unfair!« Daisys Stimme hatte einen grimmigen Tonfall angenommen.

»Ich hatte wegen dieser Geschichte einen heftigen Streit mit einer Sozialarbeiterin. Sie war dafür, Susan das Kind zu lassen. Sie sagte, dass ich überhaupt nichts wisse und dass mir die Entscheidung nicht zustünde, einer jungen Mutter das Baby abzusprechen. Ich erwiderte, dass Susan selbst noch ein Kind sei. Dass sie keine jüngeren Geschwister hätte und nicht die geringste Ahnung, was es heißt, für ein Baby zu sorgen. Sie war daran gewöhnt, alles Geld für sich selbst auszugeben, für Musik und Kleidung, wie die Jüngeren sie tragen. Enthaltung und Selbstdisziplin waren ihr fremd. Bald schon würde sie andere junge Männer kennen lernen. Sie würde Beziehungen eingehen, ohne die Interessen ihres Kindes zu berücksichtigen, und wenn sie herausfand, dass das Baby im Weg war, würde sie es beiseite schieben. Ich sollte Recht behalten. Unnötig zu sagen, dass meine Warnungen ignoriert wurden. Susan behielt das Baby, und wie ich es vorhergesehen hatte, dauerte es nicht lange, bis sie es verstieß!« Die Stimme der alten Dame wurde weicher.

»Ich habe Joan Oates immer in der Stadt gesehen, mit der kleinen Kimberley in ihrem Sportwagen. Wir blieben stehen und unterhielten uns, und Joan stellte mir Fragen wegen des Babys, kleinere Unpässlichkeiten, die ihr Sorgen bereiteten und dergleichen. Joan zog das Kind groß, so gut sie konnte. Kimberley war stets sauber und gut genährt, und Joan gab ihr Wärme und Zuneigung und ein gutes Zuhause. Doch die kleine Kimberley erkannte schon sehr bald, dass sie von ihrer Mutter verlassen worden war und niemand ihren Vater kannte. Es musste sie beeinflussen. Sie wurde immer aufsässiger, je älter sie wurde. Joan hatte eine schreckliche Zeit. Trotz allem war Kimberley immer liebenswert, und sie besaß ein zauberhaftes Lächeln. Sie hatte eine Zahnlücke, hier vorn …« Daisy tippte an ihr Gebiss.

»Und sie war nicht böswillig. Wann immer sie mich in der Stadt gesehen hat, hat sie mir zugewinkt und ›Hallo, Schwester Merrill!‹ gerufen. Sie war immer fröhlich, und sie war ein helles kleines Ding. In der Schule hatte sie Probleme wegen schlechten Betragens. Ich glaube, sie wurde schließlich von der Schule verwiesen, weil sie ständig den Unterricht gestört und weil sie Cannabis mit in die Schule gebracht hatte. Die arme Joan Oates hat es mir unter Tränen erzählt. Sie sagte, dass Kimberley mit den übelsten Elementen in der Stadt herumhängen würde.« Daisy Merrill schüttelte den Kopf.

»Man soll immer vorsichtig sein, bevor man ein Kind der Lüge bezichtigt. Selbstverständlich lügen Kinder! Oft ist es auch nur ihre Fantasie, die mit ihnen durchgeht. Sie glauben ihre eigenen Geschichten, obwohl sie genau wissen, dass sie nicht wahr sind. Kinder, die von ihren Eltern verstoßen wurden wie die arme kleine Kimberley, fantasieren oft über ihre Familie. Sie erfinden reiche Eltern, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind und dergleichen mehr. Das ist ganz normal.«

»Kimberley hat das auch getan?«

»Ich erinnere mich nicht genau an alles, was sie den Leuten erzählt hat. Irgendwann kam es zu Joan, und Joan musste es jedes Mal verneinen. Jedenfalls war kein Flugzeugabsturz dabei. Das war nur ein Beispiel, das ich benutzt habe.« Daisys Augen wurden geistesabwesend, während ihre Erinnerung mit der Vergangenheit rang.

»Es ist so lange her.«

»Könnten Sie versuchen, sich an ein paar von Kimberleys Fantasien zu erinnern?«, bat Meredith.

»Vielleicht steckt ja in einigen davon ein Körnchen Wahrheit?«

»Das halte ich für unwahrscheinlich.« Daisy stieß ein leises Kichern aus.

»Warten Sie. Sie erzählte immer wieder, ihre Mutter sei eine Schauspielerin und ständig auf Tournee. Es war immerhin originell, finden Sie nicht? Die meiste Zeit erzählte sie von ihrem verschwundenen Vater. Ja, das war es. Ein reicher Vater, überflüssig zu sagen, der sie wegen irgendeines Unsinns nicht zu sich nehmen konnte. Er war von vorn bis hinten erfunden, das muss ich Ihnen wohl kaum sagen! Eine andere Geschichte lautete, dass sie eines Tages ein Vermögen erben würde! Ebenfalls von vorn bis hinten erfunden. Ihr Vater lebte in einem vornehmen Haus, und sie besuchte ihn regelmäßig. Das arme kleine Ding. So eine erbarmenswerte Geschichte! Oh, und eines Tages würde er kommen und sie für immer zu sich nehmen und mit ihr weggehen. Eine der Lieblingsfantasien unglücklicher Kinder. Ihr Vater würde niemals kommen. Natürlich nicht. Er konnte gar nicht. Wahrscheinlich wusste er gar nicht, dass sie existierte. Ich wage zu behaupten, dass er bloß eine Kneipenbekanntschaft ihrer Mutter war und wahr scheinlich nicht mehr als eine Nacht mit ihr verbracht hat!« Die alte Dame setzte sich kerzengerade auf.

»Ich erinnere mich an dies, kurz bevor Kimberley weggelaufen ist. Nein, sie ist nicht weggelaufen, nicht wahr? Das wissen wir jetzt. Also kurz vor ihrem Verschwinden. Ich traf Kimberley in der Stadt. Sie blieb stehen und wollte sich unterhalten. Sie fragte mich, ob ich etwas über ihre Mutter wüsste. Ich gewann den Eindruck, dass sie sich in den Kopf gesetzt hatte, sie zu finden. Ich konnte ihr nicht weiterhelfen, und ich hoffte inständig, dass sie der Sache nicht weiter nachgehen würde. Als ich hörte, dass Joan ihr Verschwinden gemeldet hatte, nahm ich an, dass Kimberley sich aufgemacht hatte, um Susan zu suchen. Es tat mir sehr Leid. Ich hoffte, dass ihre Suche erfolglos bleiben würde. Sie wäre bestimmt nicht willkommen gewesen.« Daisy seufzte.

»Kimberley war von Natur aus gutmütig. Susan, ihre Mutter, war eine Schlampe, weiter nichts. Eine hinterlistige, verschlagene kleine Kratzbürste mit einem Hang zur Bosheit. Harsche Worte vielleicht, aber wahr.« Eine Pause entstand, während Daisy ihren Erinnerungen nachhing. Dann fügte sie hinzu:

»Sie hat als Kellnerin gearbeitet.«

»Das war Kimberley, nicht Susan«, berichtigte Meredith.

»Kimberley war die Kellnerin.«

»Das weiß ich selbst«, entgegnete die alte Dame.

»Das habe ich doch gesagt.« Sie runzelte die Stirn.

»Oder nicht?«

»Daisy«, begann Meredith, »die Polizei würde all das bestimmt gerne erfahren. Mein Freund ist Polizist. Darf ich es ihm erzählen?«

»Selbstverständlich, meine Liebe!« Daisy hob warnend einen krummen Finger.

»Aber sagen Sie ihm lieber gleich, dass ich nichts Hilfreiches zu seiner Morduntersuchung beitragen kann! Ich hoffe, dass die Polizei herausfindet, was mit Kimberley geschehen ist! Nun denn«, sagte sie schließlich und streckte die Hand nach einer in der Nähe stehenden Klingel aus.

»Das ist mehr als genug zu diesem traurigen Thema. Ich werde um ein wenig Tee für uns bitten, und dann müssen Sie mir von sich selbst erzählen! James Holland hat gesagt, Sie wären weit in der Welt herumgereist. Ich muss alles über Ihre Abenteuer erfahren!«

KAPITEL 8

»ICH WAR heute Nachmittag in Westerfield«, berichtete Meredith, als sie am Sams tagabend über die schmale Straße fuhren. Es war angenehm mild. Die nasse Landschaft leuchtete in den zarten Farben einer tief stehenden Sonne. Der viele Regen hatte das Wachstum der Pflanzen angeregt. Die Hecken waren saftig grün und hatten die Straßenränder vor den Unkrautvernichtern geschützt, die auf den Feldern ausgebracht worden waren. Die Belohnung waren Banketten voll wilder Gräser und Blumen. Wahrscheinlich wird das Wetter jetzt besser, wo unser Urlaub storniert ist, dachte Meredith säuerlich. So war das Leben.

»Was hat dich hierher geführt?«, fragte Markby, während er die Fahrt verlangsamte, um einen Reiter zu überholen. Der Mann hob dankend die Hand. War es die Konzentration auf den Wagen, die Markbys Stimme plötzlich einen gespannten Klang verlieh? Oder bildete sie sich alles nur ein? Wenn die Sprache auf Westerfield kam, herrschte zwischen ihnen stets eine gewisse Verlegenheit. Sie musterte ihn mit einem verstohlenen Seitenblick. Er starrte angestrengt auf die Straße. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien:

»Ich wollte keine alten Erinnerungen aufwärmen!« Stattdessen erzählte sie von Daisy Merrill und ihrer Verbindung zur Oates-Familie. Alan antwortete mit einem sarkastischen Schnauben.

»Das passt genau zum ersten Bericht über Kimberleys Verschwinden. Wie die Mutter, so die Tochter! Nur, dass Kimberley es mit ein wenig mehr Charme verkleidet hat. Das einzig Interessante an Daisy Merrills Geschichte ist von unserem Standpunkt aus betrachtet, dass Kimberley offensichtlich eine fantasievolle kleine Lügnerin gewesen ist.«

»Sie hatte Fantasien, sagt Daisy. Das ist etwas anderes, Alan. Und sie war sehr deutlich, was das angeht!«

»Daisy kann es meinetwegen nennen, wie sie will! Als Polizist nenne ich es eine Unwahrheit! Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass Kimberley einem Dritten etwas Erfundenes erzählt hat, wie du es nennst. Das ist alles, was wir brauchen! Die Tote war eine sympathische Lügnerin!« Meredith fühlte sich ungerecht behandelt, weil er die Tatsache, dass sie Daisy Merrill als Zeugin aufgespürt hatte, nicht stärker würdigte.

»Zumindest habe ich jemanden entdeckt, den ihr befragen könnt! Angenommen, ich hätte sie nicht besucht? Sie hätte die Schwester bestimmt nicht gefragt, ob sie euch anrufen soll! Oder die Schwester hätte ihr den Gedanken ausgeredet! Du solltest diese Frau sehen, wirklich! Sie ist eine Art weiblicher Captain Cuttle!«

»Wir wissen es zu schätzen. Also schön, ich bin dir dankbar.« Er blickte sie an.

»Wirklich. Ich danke dir. Es hilft uns weiter. Und es ist ermutigend, dass du Daisy so schnell gefunden hast. Mit Simon French haben wir jetzt schon zwei Zeugen, die Kimberley Oates gekannt haben. Offensichtlich erinnern sich die Menschen immer noch an sie.«

»Meinst du, dass an ihren Geschichten von einem reichen Vater etwas dran gewesen sein könnte? Vielleicht hat Susan ihrer Mutter im Vertrauen gestanden, wer Kimberleys Vater war?«

»Vielleicht hat sie das, vielleicht auch nicht. Ich bezweifle es. Wie es scheint, war Joan Oates eher von der altmodischen Sorte. Hätte sie gewusst, wer Kimberleys Vater ist, hätte sie gewollt, dass er die Vaterschaft anerkennt. Er sollte nicht einfach so davonkommen! Vielleicht war er verheiratet oder so. Außerdem hätte Joan Oates der Polizei den Namen des Vaters spätestens verraten, als Kimberley verschwand. Ganz bestimmt. Wenn sie ihn gewusst hätte, heißt das. Aber sie war der Meinung, dass Kimberley versucht hat, ihre Mutter zu finden, nicht ihren Vater. In meinen Augen bedeutet das, dass niemand mit Bestimmtheit wusste, wer der Vater war, nicht einmal Susan Oates selbst!« Sie fuhren durch eine Kurve, und vor ihnen tauchte ein kleiner Wald auf.

»Wir müssen fast da sein«, sagte Meredith.

»Zwei Minuten. Das Haus liegt ein wenig abseits der Straße, aber die Einfahrt ist nicht zu übersehen. Auf dieser Seite der Straße war früher alles Wald. Er wurde vor einigen Jahren gerodet. Die Bäume dort sind alles, was noch geblieben ist.«

»Offensichtlich warst du schon früher einmal bei den Holdens zu Hause.« Markby murmelte eine Antwort, die sie nicht verstand. Deutlicher fügte er hinzu:

»Ein paar Mal. Vor ein paar Jahren hatten sie eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Du weißt schon, so eine Geschichte mit Tombola, selbst gebackenem Kuchen, Tee, raten, wie viele Bohnen in einem Marmeladenglas sind, Mini-Hundeschau. Die einheimische Polizei hatte einen Stand über Verkehrssicherheit und eine Ausstellung über Nachbarschaftshilfe gegen Diebe und Einbrecher. Die Johanniter Unfallhilfe demonstrierte erste Hilfe. Eine Militärkapelle war da. Es gab eine Menge Besucher. Margaret Holden hatte alles organisiert. Sie überredete mich, ein paar der Preise zu überreichen und den Hauptgewinner der Tombola zu ziehen. Sie war sehr gut in diesen Dingen. Ich glaube, sie hat ziemlich viel Geld aufgetrieben.«

»Sie scheint eine tüchtige Frau zu sein. Ziemlich hilfreich für Lars, würde ich sagen. Wir sagen doch Lars zu ihm, oder?«

»Was sonst? Er wird dich als Meredith begrüßen und sich jovial geben. Er ist ein Politiker. Du bist eine Wählerin. Ganz gleich, was geschieht, lass dich nicht von ihm in eine Diskussion über die Zukunft von Bamford verwickeln.« Meredith grinste Markby an und schob eine rebellische braune Locke aus der Stirn. Sie hatte sich lange den Kopf zerbrochen, was sie anziehen sollte. Schließlich wurde man nicht jeden Abend bei seinem Abgeordneten zum Essen eingeladen. Schließlich hatte sie sich für eine schwarze Hose aus Seidencrepe entschieden und ein Chitontop, zusammen mit schwarzen Nylons und schwarzen Stöckelschuhen. Die Kombination war ihr ein wenig düster vorgekommen, wie für eine Beerdigung, als sie alles angezogen und sich im Spiegel betrachtet hatte, also hatte sie noch eine Halskette aus türkisfarbenen Perlen angelegt. Es musste gehen.

»Du klingst, als könntest du unseren Abgeordneten nicht besonders gut leiden«, sagte sie. Markby bremste, um durch eine weitere der zahlreichen Kurven entlang der gewundenen einspurigen Straße zu steuern, und es dauerte einen Augenblick, bis er antwortete.

»Ich habe nichts gegen ihn. Er ist nicht übel, vielleicht sogar besser als die meisten anderen. Ehrgeizig, sicher, aber sind das nicht alle? Nein, es ist mehr …« Er unterbrach sich erneut und fügte dann hinzu:

»Warum wartest du nicht ab, bis du ihn selbst kennen lernst?« Sie kamen an zwei kleinen Cottages vorüber. Eines war gepflegt und sauber, mit in der Abendsonne blitzenden Fenstern, einem makellosen Garten und einem gepflegten Wagen, der an der Seite geparkt stand. Der andere Garten war von Unkraut übersät, und die Behausung machte einen verlassenen Eindruck, trotz der schmutzigen Vorhänge hinter den ungewaschenen Scheiben. Markby bremste erneut, bog von der Straße ab und fuhr durch ein Tor. Meredith hatte nicht bemerkt, dass sie schon so nah an ihrem Ziel waren. Das Haus stand ein gutes Stück von der Straße zurück, verborgen hinter den Bäumen, die sie von ferne gesehen hatte, sowie von einer hohen umlaufenden Steinmauer. Jetzt stieß sie einen überraschten und erfreuten Laut aus. Die Old Farm trug einen treffenden Namen. Es war ein großes Gebäude mit einem unebenen Dach und schiefen Wänden, die den Eindruck erweckten, als neigte sich das Haus zu einer Seite. Die Fachwerkbalken hatten nicht einen einzigen rechten Winkel. Die Fenster waren sämtlich auf unterschiedlichen Höhen, und nicht zwei von ihnen waren gleich groß. Trotzdem wirkte das Haus in den Schatten der untergehenden Sonne so massiv und unbeweglich, als könnte es wenigstens weitere vierhundert Jahre überdauern. In der Nähe stand eine ehemalige Scheune, die zu einer Garage umgebaut worden war.

»Ich habe die ganze Zeit über erwartet, dass es aus Stein gebaut ist, wie so viele andere Häuser in dieser Gegend«, sagte Meredith. Markby hinter dem Lenkrad hatte das alte Haus ebenfalls nachdenklich angestarrt.

»James ist bereits da«, sagte er und deutete auf ein Motorrad neben der Eingangstür.

»Wir sind nicht zu spät, oder?« Oscar begrüßte sie. Er hatte den Wagen gehört und wartete mit freudig wedelndem Schwanz am einen Ende und der dröhnenden Stimme am anderen, die potenzielle Eindringlinge warnte. Ein kurzes Schnüffeln an Merediths Hand ergab, dass er dieses Weibchen bereits kannte, und Markby war sowieso ein alter Freund. Nachdem die Neuankömmlinge auf diese Weise überprüft waren, sprang Oscar fröhlich vor ihnen her in die Eingangshalle. Es war tatsächlich der passende Ausdruck, denn es handelte sich um einen großen Raum mit einer Sitzecke auf der einen und der Treppe in das obere Stockwerk auf der anderen Seite. Das Mobiliar war geschmackvoll. Der unebene Boden aus Eichendielen knarrte leise unter ihren Füßen und war mit Wachs mattglänzend gebohnert. Überall lagen Wollteppiche mit geometrischen Mustern in gelbbraunen Orangetönen, Schwarz und Weiß verteilt. Sie erweckten einen skandinavischen Eindruck. James Holland saß am großen offenen Kamin und erhob sich, als sie eintraten. Ein kleiner gepflegter Mann, der irgendwie militärisch aussah, tat das Gleiche. Eine Frau mittleren Alters in einem Seidenanzug mit lila Blumenmuster, wahrscheinlich seine Gemahlin, lächelte nervös. Margaret Holden war hinzugekommen, um ihre neuen Gäste zu begrüßen. Auch sie trug ein schwarzes Kostüm und bot mit dem blonden Haar einen fantastischen Anblick. Trotzdem glaubte Meredith, eine gewisse Anspannung zu erkennen. Sie fragte sich, ob Mrs. Holden im Verlauf des Tages möglicherweise schlechte Nachrichten erhalten hatte. Ihr Lächeln und ihre freundlichen Worte wirkten irgendwie mühsam. Meredith bedauerte, dass sie sich für Schwarz entschieden hatte. Zwei Frauen im gleichen ernsten Farbton verliehen der Szene den Anschein einer Totenwache oder bestenfalls eines Eltern abends an einer Klosterschule.

»James kennen Sie ja bereits«, sagte Margaret freundlich.

»Major Walcott und seine Gattin bestimmt noch nicht. Ned und Evelyne sind unermüdlich, wenn es um die gute Sache geht!« Ned und Evelyne murmelten abwiegelnde Worte und schüttelten Markby und Meredith die Hände. Ned berichtete, dass er und seine Frau zu Fuß hergekommen seien. Es war so ein angenehmer Abend nach all dem Regen in letzter Zeit. Sie lebten in einem der

»Cottages unten an der Straße, bevor man zum Tor kommt«. Meredith empfand es als unnötig zu fragen, in welchem von beiden. James Holland hatte sich in einen Anzug gezwängt, der offensichtlich aus einer Zeit stammte, als er noch ein paar Pfunde weniger gewogen hatte.

»Danke, dass Sie Daisy besucht haben«, murmelte er zu Meredith.

»Sie hat Ihre Gesellschaft immens genossen. Die Schwester hofft, dass Sie wiederkommen. Ein wenig mit den Alten reden.«

»Versprechen Sie nichts in meinem Namen, James! Vielleicht tue ich es, aber ich brauche Zeit, um mich seelisch zu wappnen.«

»Ich hoffe«, sagte die Gastgeberin, als alle etwas zu trinken hatten, »dass Lars sich nicht allzu sehr verspätet.« Für einen kurzen Augenblick verschwand die Aura von Kompetenz, und Margaret Holden wirkte gereizt.

»Er hat versprochen, zum Abendessen hier zu sein, und in allerletzter Minute angerufen und gesagt, dass etwas dazwischengekommen wäre und ihn aufhalten würde. Trotzdem wollte er auf jeden Fall bis um sieben Uhr hier sein.« Sie blickte auf ihre goldene Armbanduhr.

»Es ist bereits Viertel nach sieben!«, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu ihren Gästen. Ein kurzes verlegenes Schweigen entstand. Dass Margaret Holden unter dem kultivierten Deckmantel nervös und angespannt war, schien offensichtlich. Die Walcotts wechselten verstohlene Blicke, ein heimliches Signal, dem zu entnehmen war, dass sie den Grund kannten. Ned räusperte sich und begann groß und breit die Vorzüge des lokalen Golfplatzes zu erläutern. Nach einer Weile stellte er ernüchtert fest, dass er sich nicht unter Golfbrüdern befand, und verstummte wieder. Pater Holland nahm die Herausforderung an, die Konversation in Gang zu halten, auch wenn es auf eine etwas irritierende Art und Weise geschah.

»Wir begraben Eunice am Montag«, sagte er unvermittelt.

»Ich hatte ganz vergessen, Sie zu informieren, Margaret.«

»Oh? Ist die Polizei denn schon mit dem … mit dem Grab auf dem alten Friedhof fertig?« Margaret sah Markby fragend an.

»Nein. Wir beerdigen sie auf dem neuen Friedhof. Eine Schande, wenn Sie mich fragen, aber ihr Nachlassverwalter hielt es für das Beste.«

»Ich werde auf jeden Fall kommen«, sagte Margaret Holden entschieden.

»Genau wie Lars!« Zu den anderen gewandt fügte sie hinzu:

»Die arme Eunice hat sich immer sehr für Lars’ Karriere interessiert!« Auf ihrer Stirn entstanden kleine Falten, als sie fortfuhr:

»Es ist doch keine private Beisetzung, oder? Wir dürfen doch beiwohnen?«

»Selbstverständlich«, sagte der Vikar.

»Eunice hatte keine Familie, und es werden nicht viele kommen.«

»Ich komme ebenfalls«, sagte Markby.

»Unter den gegebe nen Umständen.«

»Der ermittelnde Beamte«, sagte Major Walcott mit klugem Nicken.

»O ja, das Skelett!«, quiekte Evelyne.

»Sind Sie …?«

»Evelyne!«, mahnte ihr Ehemann.

»Er darf nicht darüber reden!«

»Oh, natürlich. Bitte entschuldigen Sie!« Sie lief dunkelrot an und warf Markby einen verlegenen Blick zu.

»Wie es sich fügt«, sagte Markby, »kannte ich Miss Gresham seit vielen Jahren. Ich möchte ihr meinen letzten Respekt erweisen.« Er lächelte Evelyne an, und sie wurde womöglich noch verlegener. In diesem Augenblick zog Oscar, der die ganze Zeit planlos umhergewandert war, mit einem dumpfen Bellen die Aufmerksamkeit auf sich. Er stand mit gespitzten Ohren am anderen Ende der Halle. Ein Automotor hustete und verstummte. Oscar japste und jaulte und rannte in wilden Kreisen umher, und seine Krallen scharrten über die polierten Dielen.

»Das ist Lars.« Margaret konnte ihre Erleichterung nicht verbergen.

»Oscar kennt seinen Wagen. Es ist Lars, Oscar!«, fügte sie an den Hund gewandt hinzu, was die Aufregung des Tiers in fiebrige Höhen steigen ließ. Es jaulte und winselte. Stimmen ertönten, dann wurde die Haustür geöffnet. Ein junger, massig gebauter blonder Mann stürzte herein.

»Guten Abend alle zusammen! Es tut mir ausgesprochen Leid, dass wir zu spät sind, aber der Verkehr, wissen Sie?« Er begrüßte seine Mutter mit einem Kuss auf die Wange.

»Tut mir Leid, Mama. Hallo Oscar! Ja, schon gut, alter Junge! Ich hab dich gesehen!« Er bückte sich und tätschelte den Hund. Dann wandte er sich um und führte eine langbeinige, pferdegesichti ge Brünette ins Haus, die hinter ihm gestanden hatte.

»Darf ich Ihnen allen Angie vorstellen, meine Verlobte. Angela Pritchard.« Er strahlte in die Runde. Leise sagte Margaret Holden:

»Ich wusste gar nicht … Wie schön, Sie wiederzusehen, Angela.«

»Sie bleibt ein paar Tage bei uns, Mama!«, sagte Lars so herausfordernd, dass Markby die Augenbrauen hob und die Walcotts erneut viel sagende Blicke wechselten. Laut und selbstbewusst sagte Angela Pritchard:

»Guten Abend allerseits.« Sie trat vor, Lars an ihrer Seite, und Holden stellte ihr nacheinander die übrigen Gäste und in Merediths Fall sich selbst ebenfalls vor. Er strahlte eine hektische Kompetenz aus, und sein Gesicht war vor Aufregung gerötet. Angela Pritchard hingegen blieb eiskalt und souverän, während sie Hände schüttelte und auf die huldvolle Weise lächelte, die Frauen von Würdenträgern so an sich haben. Sie hat, dachte Meredith mit heimlicher Belustigung, etwas von einer Botschafterfrau an sich. Sie und Lars waren ein beeindruckendes Paar. Und doch – was hier geschah, war alles andere als amüsant. Lars und Angela hatten mit ihrem gemeinsamen Manöver Margaret Holden an den Rand der Gesellschaft gedrängt und ihr die Initiative genommen. Sie stand einen Augenblick lang da, Oscar an ihrer Seite, dann murmelte sie unvermittelt:

»Ich gehe in die Küche und sage Doris, dass sie ein weiteres Gedeck auflegen soll.« Rasch bewegte sie sich zu einer Tür auf der Rückseite der Eingangshalle. Oscar zögerte einen winzigen Augenblick, dann schien er eine Entscheidung zu treffen und trottete hinter ihr her. Wahrscheinlich hielt er es für klüger, sich mit demjenigen zu verbünden, der das Regiment über die Küche führte. Es war ein eigenartiger, symbolischer Moment. Auch Pater Holland hatte es bemerkt.

»Lieber Himmel!«, murmelte er so leise, dass nur Meredith ihn hören konnte. Sie begegnete seinem Blick.

»Die Königin ist tot«, flüsterte er.

»Lang lebe die Königin!«

Das Esszimmer von Old Farm war ein schmaler, lang gestreckter Raum. Auf der dem Eingang gegenüberliegenden Stirnseite befand sich ein gemauerter Kamin. Die Tafel stand längs im Zimmer, ein antikes, außergewöhnlich massives Möbelstück, schwarz vom Alter und von Politur, mit zahlreichen Kratzern und Gebrauchsspuren. Sie sah aus, als stammte sie aus einem alten Refektorium oder einem Passagierdampfer. Die anfängliche Missstimmung hatte sich gelegt. Das Essen war ausgezeichnet, und Lars, inzwischen in voller Fahrt, erwies sich als hervorragender Gastgeber. Meredith betrachtete ihn eingehend und fand, dass er ein gut aussehender junger Mann war, wenn auch recht stämmig gebaut. Vielleicht war er früher Sportler gewesen, doch heute verwandelten sich seine Muskeln allmählich in Fett. Er muss aufpassen, dachte sie.

Vielleicht würde seine Verlobte dafür sorgen, dass er eine Diät begann. Angie Pritchard repräsentierte ein fesselnderes Studienobjekt für Merediths Neugier. Sie war, genau betrachtet, keine Schönheit, doch es gelang ihr nichtsdestotrotz, eine Aura der Noblesse auszustrahlen. Alles war eine Frage des Stils und des Selbstvertrauens, entschied Meredith, ganz zu schweigen von ihrer kostspieligen, geschmackvollen Garderobe in Königsblau. Der ausgezeichnete, perfekt gepflegte Haarschnitt stammte ohne Zweifel von einem der modischeren Coiffeure Londons.

Was für ein Glück, dachte Meredith, dass Angie nicht auch noch Schwarz angezogen hat! Sie bemerkte, dass Angie sich gegenüber Major Walcott ungewöhnlich aufmerksam verhielt. Der gute Major war nicht unempfänglich für ihren Charme. Er wurde zunehmend redseliger. Pater Holland unterhielt sich angeregt mit Margaret Holden. Alan hatte nicht viel zu den Konversationen beizutragen. Er schien sich stattdessen für die Wand über dem Kamin zu interessieren. Schließlich bemerkte Lars seine Geistesabwesenheit.

»Gefällt Ihnen das Gemälde, Alan?«, erkundigte er sich.

»Ich glaube, Vater hat es in einem Second-Hand-Laden erstanden, stimmt’s, Mama?«

»In Bournemouth«, antwortete Margaret.

»Ganz zu Anfang unserer Ehe.«

»Es ist ein hübsches viktorianisches Seestück von einem unbekannten Künstler. Wir haben es einmal einem Gutachter von Sotheby’s gezeigt. Es ist nicht wertvoll, aber es würde trotzdem einen anständigen Preis erzielen«, berichtete Lars.

»Dein Vater hat es gekauft, weil er es mochte«, sagte Margaret kühl.

»Nicht wegen seines Wertes.«

»Sicher. Mir gefällt es auch!« Lars zeigte sich ungerührt.

»Und dieses Zertifikat, direkt daneben?«, fragte Markby beiläufig.

»Was? Oh, gütiger Gott! Das stammt aus meiner Kindheit. Ein Piano-Examen.«

»Es ist dein Abschlusszeugnis!« Margarets Stimme hatte an Schärfe gewonnen.

»Lars war ein viel versprechender Pianist, müssen Sie wissen. Als er anfing, sich für Politik zu interessieren, fand er keine Zeit mehr zum Üben!«

»Meine Mutter ist sehr musikalisch«, erklärte Lars.

»Spielen Sie auch, Mrs. Pritchard?«, fragte Mrs. Walcott unschuldig.

»Leider nein, fürchte ich. Aber ich gehe gern in die Oper.«

»Oh, die Oper? Wie hübsch. Zu schade, dass Sie nicht spielen«, murmelte Evelyne.

»Wenn Sie die Musik doch so sehr lieben.« Meredith erwärmte sich augenblicklich für Mrs. Walcott. Man soll kleine unansehnliche Frauen niemals unterschätzen. Sie konnten jede Gesellschaft gründlich auf den Kopf stellen, wenn ihnen danach war, und genau das hatte Mrs. Walcott soeben getan. Die hochnäsige Angie Pritchard hatte einen tadellosen Dämpfer erhalten. Es ist unmöglich zu übersehen, dachte Meredith, dass hier über Allianzen entschieden wird und Kampflinien gezogen werden. Alles war genau wie in dem Spiel

»Diplomacy«. Die Spieler schoben sich zwar keine diplomatischen Noten zu, doch die Botschaften waren da. Evelyne Walcott stand, genau wie Oscar, loyal zu Margaret Holden. Major Walcott wurde erfolgreich von Angie eingenommen – was sich allerdings leicht wieder ändern konnte, sobald die Walcotts später wieder zu Hause waren.

Angie warf ihr Netz nicht nur über den Walcotts aus. Als Meredith später am Abend aus dem Schlafzimmer kam, das für die Damen als Umkleideraum bereitgestellt worden war, fand sie Angela Pritchard oben auf der Treppe. Vermutlich hatte Lars Holdens Verlobte dort auf sie gewartet.

»Alles zu Ihrer Zufriedenheit, Meredith?«

»Oh, sicher. Danke sehr. Ein wunderschönes altes Haus.«

»Ja, nicht wahr?« Angie lächelte ihr zu.

»Haben Sie schon alles gesehen?«

»Nein, aber vielleicht sollten wir …« Es war nicht zu übersehen, dass Meredith durch das Haus geführt werden sollte. Doch Angie Pritchard, auch wenn sie Lars Holdens Verlobte war, war noch lange nicht die Hausherrin von Old Farm. Es stand ihr nicht zu, einer Fremden Margaret Holdens Heim zu zeigen.

Angie ließ Meredith nicht ausreden.

»Dann lassen Sie mich Ihnen wenigstens die geheime Kapelle zeigen.« Es klang zu verlockend, als dass Meredith hätte ablehnen können. Angie führte sie durch einen Korridor und um eine Biegung. Dort blieb sie vor einem alten hohen Holzschrank stehen. Zur Linken führte eine schmale Treppe in einen dunklen Bereich des Hauses hinunter. Früher einmal hatten sich Bedienstete über diese Hintertreppe gequält. Angie öffnete den Schrank. Vor ihnen hing eine Stange mit Winterkleidung, die für die Sommermonate in Schutzhüllen aus Plastik steckte. Ein schwacher Geruch nach Mottenkugeln drang aus dem Schrank. Angie grinste Meredith verschwörerisch zu und schob die Kleidung zur Seite. Dahinter, in der Rückwand des Schranks, wurde eine weitere Tür sichtbar. Sie führte in einen sehr kleinen, fensterlosen Raum mit einer einzelnen Glühbirne an der Decke, die Angie in diesem Augenblick einschaltete. Es musste einer der ältesten Teile des Gebäudes sein. Die Decke war ein Gewölbe, das in anderen Zimmern der Etage hinter einer abgehängten Decke verborgen war, und zeigte verblasste Reste von Fresken. Meredith erkannte Blätter und die Umrisse zweier Gestalten. Bei der Installation der elektrischen Lampe war ein Teil des Putzes zerstört worden, ein unverzeihlicher Akt von Bilderstürmerei.

»Adam und Eva!« Angie zeigte zu den verblassten Gestalten hinauf.

»Im Garten Eden, kurz vor der Vertreibung. Dort drüben kann man den Arm des Erzengels sehen, mit dem Flammenschwert in der Hand. Der Körper des Engels wurde entweder abgekratzt oder ist heruntergefallen. Es war alles unter weißer Farbe versteckt, doch Lars hat es wieder freigelegt. Er interessiert sich für Geschichte, wissen Sie? In Tudor-Zeiten gehörte das Haus einer Familie, die der Alten Religion anhing. Das blieb so durch die ganze Stuart-Zeit hindurch bis hin zum Commonwealth, als Puritaner das Haus in Besitz nahmen, ohne die kleine Kapelle je zu entdecken. Die Familie starb in der georgianischen Zeit aus, und das Haus wechselte seither mehrfach den Besitzer.«

»Es ist faszinierend …«, sagte Meredith langsam. Und traurig war es ebenfalls. Was hatten diese Mauern alles zu berichten! Und was für eine turbulente Familiengeschichte war für immer verloren gegangen! Warum hatte man als Motiv für das Deckengemälde die Vertreibung aus dem Garten Eden gewählt? Sicherlich war es eine Anspielung auf die politische Situation des frühen siebzehnten Jahrhunderts gewesen. Der winzige Raum war nicht leer. An einer Wand stand ein altes Sofa. Der Platz reichte gerade aus. Außerdem gab es einen altmodischen Hut- und Garderobenständer. An eine Wand gelehnt lagerten mehrere verstaubte Bilder, und in einer Kiste sammelte sich Nippes. Meredith zwang sich, in die Gegenwart zurückzukehren.

»Vielen Dank, dass Sie mir die Kapelle gezeigt haben, Angie«, sagte sie und meinte es ehrlich.

»Aber jetzt sollten wir wirklich wieder nach unten gehen. Wahrscheinlich fragen sich inzwischen alle, wo wir geblieben sind.« Angie hatte ihr Ziel erreicht.

»Selbstverständlich«, sagte sie fröhlich.

»Jetzt verstehe ich, was du gemeint hast. Wegen Lars Holden«, sagte Meredith auf dem Heimweg von Old Farm. Der Abend hatte sich in die Länge gezogen. Inzwischen war es fast ein Uhr morgens.

»Und warum du wolltest, dass ich mir mein eigenes Urteil über ihn bilde.«

»Und welches Urteil hast du dir gebildet?«

Sie biss sich auf die Unterlippe.

»Auf den ersten Blick scheint er ein angenehmer Mensch zu sein. Aber er hätte seine Mutter nicht so behandeln dürfen. Das hat mir überhaupt nicht gefallen.«

Die Scheinwerfer durchschnitten das Schwarz der Nacht und streiften über Hecken, Böschungen und Straßenbäume. Alan Markby saß nachdenklich am Lenkrad und murmelte:

»Nein, das hat mir auch nicht gefallen.«

Nach einem Augenblick des Zögerns fügte er hinzu:

»Ich kann mir denken, wie es dazu gekommen ist. Margaret Holden ist eine sehr starke Frau und tritt bestimmt nicht freiwillig ab, um einer anderen Frau zu überlassen, was sie als ihr Revier betrachtet. Lars’ Karriere war ihr Leben. Für Margaret geht es nicht darum, ob sie eine Schwiegertochter bekommt oder nicht. Für Margaret ist es so, als würde Lars ihr den Koffer vor die Tür stellen und stattdessen eine Anfängerin auf ihren Platz setzen. Ich wage zu behaupten, dass Margarets Verhalten es schwer gemacht hat für ihren Sohn und Miss Pritchard. Trotzdem, er hätte sie nicht vor den Gästen demütigen dürfen, und er hätte nicht zulassen dürfen, dass Angie Pritchard es tut.«

»Margaret hat ihn gezwungen, sich zwischen ihr und seiner Verlobten zu entscheiden, und Lars hat aller Welt verkündet, dass er sich für Angie entschieden hat, meinst du das?« Meredith rutschte in ihrem Sitz hin und her. Sie war kurz vor dem Einschlafen, doch sie riss sich zusammen.

»Etwas in der Art, ja.«

»Aus dem Regen in die Traufe also. Angie erscheint mir als die gleiche dominante Sorte Frau wie Lars’ Mutter. Vielleicht mag er es, wenn starke Frauen ihn organisieren. Ich hätte ihn eigentlich nicht als schwachen Mann eingeschätzt.« Meredith runzelte in der Dunkelheit die Stirn.

»Es muss nicht unbedingt Schwäche sein. Es könnte sich auch um Bequemlichkeit handeln. ›Wenn sie unbedingt will, soll sie doch!‹ – wenn du weißt, was ich meine.«

»Angie hat mir das Geheimzimmer gezeigt, als wir nach dem Essen oben waren. Kennst du es?«

»Ich habe davon gehört, aber nein, ich war noch nie dort. Ist es wirklich versteckt? Wie groß ist es?«

»Ungefähr so groß wie ein altmodischer begehbarer Besenschrank. Nicht viel größer. Sie scheinen es als Abstellkammer zu nutzen. Es liegt ziemlich gut versteckt. Der Eingang befindet sich hinter einem Schrank mit einer falschen Rückwand.«

»Hm. Kimberley Oates war wenigstens einmal in diesem Haus, wusstest du das?« Meredith war von einer Sekunde zur anderen hellwach. Sie wollte sich kerzengerade aufrichten, doch der Gurt hielt sie im Sitz fest.

»Was? Woher weißt du das?«

»Sagen wir, ich bin mir zu neunzig Prozent sicher. Am Montagmorgen werde ich es mit Sicherheit wissen, hoffe ich. Ich habe das Esszimmer auf dem Foto in der Akte wiedererkannt – du weißt schon, die drei Kellner von Partytime. Kimberley Oates. Simon French und die andere junge Frau.«

»Partytime Caterers? Bestimmt hat es auf Old Farm im Lauf der Jahre eine Reihe großer Feiern gegeben. Also hat Margaret einen professionellen Lieferanten beauftragt. Das muss nichts heißen.«

»Das ist mir durchaus bewusst. Aber Partytime ist die einzige Spur, durch die ich mehr über Kimberleys Bewegungen in den letzten Monaten ihres Lebens erfahren kann. Ich muss jeder noch so kleinen Einzelheit nachgehen. Wir suchen noch immer nach ihrer Mutter. Sie wohnt nicht mehr an ihrer alten Adresse in Wales, und sie wird uns wahrscheinlich keine Hilfe sein. Das letzte Mal, als wir bei ihr vorstellig wurden, vor zwölf Jahren, als Kimberley verschwand, da war ihre einzige Sorge, einen Skandal zu vermeiden und ihre Ehe nicht zu gefährden. Wir wissen nicht, wie sie die Nachricht vom Tod ihrer Tochter aufnehmen wird. Vielleicht ist sie sogar erleichtert, wer weiß.«

»Sie scheint eine lausige Mutter zu sein.«

»Sie war erst sechzehn, als Kimberley geboren wurde. Wenn man Daisys Worten glauben darf – ich sage nicht, dass sie lügt, aber sie ist eine alte Dame –, dann war Susan Oates ein verzogenes Gör. Trotzdem war es unangenehm für sie, als Kimberley verschwand und die Polizei vor ihrer Tür auftauchte, um zu fragen, ob sie ihre Tochter gesehen hätte. Ihr damaliger Ehemann – vielleicht ist er es heute noch – hatte nichts von dem unehelichen Kind gewusst. Sie hatte Angst um ihre Ehe. Wenn Menschen Angst haben, legen sie oftmals Verhaltensweisen an den Tag, die in den Augen anderer schlimm aussehen.« Manchmal verlieren solche Menschen völlig den Kopf, dachte er. Nach einem Augenblick sagte Meredith:

»Wenn du am Montag zur Beerdigung der alten Mrs. Gresham gehst, komme ich mit.« Er blickte sie von der Seite her an.

»Schön. Dann hole ich dich um elf Uhr bei dir zu Hause ab.« Sie waren am Stadtrand von Bamford angekommen. Die ersten Straßenlaternen beleuchteten den Weg, und Alan blendete die Scheinwerfer ab. Auf dieser Seite der Stadt war ein neues Gewerbegebiet entstanden. Die Bürger hatten es mit gemischten Gefühlen begrüßt. Auf der einen Seite waren dringend notwendige Arbeitsplätze entstanden, doch auf der anderen Seite standen die modernen, nüchternen Werkstätten, Lagerhäuser und Büros wie Fremdkörper in der Landschaft und hatten den Verlust alter Wälder und Äcker bedeutet. Meredith erinnerte sich, dass Lars Holden sich sehr für dieses Entwicklungsprojekt eingesetzt hatte. Arbeitsplätze waren Wählerstimmen. Vielleicht wurde Alans Erinnerung ebenfalls vom Anblick der schmucklosen Gebäude mit den leeren Fenstern und den flackernden Sicherheitslampen über leeren Schreibtischen und Theken angeregt. Düster sagte er:

»Lars ist voll guter Absichten. Aber wie sagt das Sprichwort so schön: Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.« Meredith lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze. Sie erinnerte sich, wie Alan davon gesprochen hatte, dass die Holdens Wald und Grundstücke verkauft hatten. War es möglich, dass Lars Holden aus dem Entwicklungsprojekt mehr als nur Wählerstimmen gewonnen hatte? Vor zehn Jahren waren die Grundstückspreise in dieser Ecke der Welt astronomisch gewesen. Wem hatte das Land gehört, auf dem sich jetzt das Gewerbegebiet befand?

»Er ist nicht das, was er im ersten Augenblick zu sein scheint, nicht wahr?«, sagte sie langsam.

»Ich meine, der erste Eindruck ist der eines offenen, ein wenig plumpen Burschen. In Wirklichkeit steckt mehr dahinter. Die Politik verlangt nach einer gewissen Verschlagenheit. Ich frage mich, ob Angie das bereits gemerkt hat.« Sie bogen in die Statin Road ein, wo Merediths bescheidenes Haus stand. Unvermittelt sagte Alan:

»Ich frage mich, was Margaret wegen ihrer Rivalin unternehmen wird. Sie ist nicht die Sorte Frau, die sich kampflos geschlagen gibt.« Er schaltete den Motor aus.

»Pass auf, was hinter deinem Rücken geschieht, Angie Pritchard.«

»Das ist ihr Problem, nicht unseres«, entgegnete Meredith entschieden. Sie hatten nicht so viel gemeinsame Zeit, als dass sie sie mit Spekulationen über Lars Holden und seine Frauen verschwenden konnten.

»Dieses Outfit gefällt mir«, sagte er später über ihr schwarzes Crêpe. Meredith, die gerade dabei war, es abzustreifen, hielt inne.

»Ich dachte, ich sehe darin aus wie eine Nonne.«

»Glaub mir, der Anblick einer Nonne hat mich noch nie angemacht. Aber du in diesem Kleid – ja. Und in den schwarzen Strümpfen.«

»Ich denke, Angie sah auch sehr glamourös aus.«

»Die affektierte Pritchard? Keine Chance.« Einige Zeit später sagte sie in der Dunkelheit:

»Dieser Fall … es ist einer von diesen besonderen, nicht wahr? Einer von denen, die dir unter die Haut gehen.« Das Bett knarrte und schaukelte, als Alan sich aufsetzte. Er streckte die Hand nach seiner Uhr auf dem Nachttisch aus und schielte auf das beleuchtete Zifferblatt. Sie erkannte den Umriss seines Kopfes und seiner Schultern, dunkel vor dem Hintergrund der Vorhänge. Er legte die Uhr wieder zurück, doch er blieb sitzen. Die Bettdecke bewegte sich, als er die Beine anzog und seine Arme darum schlang.

»Ich schätze, du hast Recht. Ein Mord, der sich vor zwölf Jahren in Bamford ereignet hat. Ich bin um diese Zeit hergekommen, und damit war Bamford mein Revier und mein Verantwortungsbereich. Bevor du fragst – ich hatte nichts mit der damaligen Untersuchung zu tun. Ich sage nicht, dass die Beamten, die mit dem Fall betraut waren, schlechte Arbeit geleistet haben oder dass ich es besser gemacht hätte. Sie haben alles getan, was in ihrer Macht stand. Sie haben die Großmutter nach den Gewohnheiten Kimberleys befragt und die Mutter aufgespürt, die das Kind verlassen hatte, als es noch ein Baby war. Sie fanden nichts, was auf ein Verbrechen hingedeutet hätte. Es geschieht nicht gerade selten, dass Teenager von zu Hause weglaufen. Das Mädchen hatte sich mit seiner Großmutter gestritten, und wir wissen, dass sie schwanger war.« Er schnitt eine Grimasse.

»Aber sie war keine Ausreißerin. Es war ein Mord, und es muss etwas übersehen worden sein, irgendein Hinweis, so klein oder offensichtlich so normal, dass niemand es bemerkt hat. Es hätte nicht geschehen dürfen. Jetzt habe ich eine Chance, die Dinge zurechtzurücken. Es geschieht nicht häufig bei unserer Arbeit, dass wir eine zweite Chance erhalten.« Es geschieht auch sonst nicht oft im Leben, dachte Meredith. Sie hatte ebenfalls eine unerwartete zweite Chance erhalten. Eine Chance zu einer Beziehung, die mehr als künstlich war. Genau wie Alan. Beide waren sich der Tatsache fast schmerzhaft bewusst – als fiele es ihnen schwer zu glauben, dass sie so viel Glück gehabt haben konnten. Sie wollte ihre Pläne für die Nacht unter keinen Umständen über den Haufen werfen, doch wie es schien, schwebte seine Arbeit ständig über ihnen und drohte den Lauf der Dinge zu stören. Sie fragte sich, ob er wusste, wie sehr sie es hasste. Und wie sehr sie sich deswegen schämte, weil seine Arbeit wichtig war, nicht nur als Arbeit an sich, sondern auch für ihn persönlich. Trotzdem, sie konnte nichts dagegen tun. Margaret Holden sah in Angie Pritchard eine Rivalin. Meredith besaß ebenfalls eine Rivalin, doch in ihrem Fall änderte sich der Name dieser Rivalin mit dem jeweiligen Fall. Stets war ein unsichtbares Opfer zugegen, und stets galt Alans erste Aufmerksamkeit ihm. Jetzt, in diesem Augenblick, war der Name von Merediths Rivalin Kimberley Oates. Meredith streckte in der Dunkelheit die Hand aus und streichelte ihm mit den Fingerspitzen über den Rücken. Die nackte Haut fühlte sich feucht an. Die Federbetten waren zu warm für den Sommer. Er drehte sich zu ihr um und sagte auf den Ellbogen gestützt:

»Diese Sache hat dir den Jahresurlaub verdorben. Ich bin mir dieser Tatsache durchaus bewusst. Es tut mir Leid, Meredith.«

»Wie schon gesagt, es ist nicht zu ändern. Ich werd’s überleben.« Er beugte sich über sie und küsste sie.

»Ich danke dir jedenfalls.«

»Es gibt Dinge, die sind einfach wichtiger«, antwortete sie und schlang die Arme um ihn.

Denny und Gordon Lowe verbrachten den Samstagabend auf die gewohnte Weise, angefangen mit einem Abendessen gegen achtzehn Uhr dreißig. Später, gegen acht, würden sie in ihre Stammkneipe gehen und dort bis gegen zweiundzwanzig Uhr schweigend vor sich hin trinken.

Gordon war Koch und Haushälter in ihrer spartanischen Gemeinschaft. Die Lowes waren nicht arm. Sie waren beide Junggesellen, hatten beide eine feste Anstellung und verdienten darüber hinaus ein wenig Geld nebenher, von dem das Finanzamt nichts wusste. Sie lebten in einem Cottage, das ihr Vater gegen Ende des letzten Krieges für einhundert Pfund gekauft hatte.

Gordons Vorstellung von Haushaltsführung stammte noch von seiner Mutter, und diese hatte sie von ihrer Mutter übernommen und jene aller Wahrscheinlichkeit nach wiederum von ihrer Mutter. Nichts hatte sich geändert, während die Prinzipien von einer Generation auf die nächste vererbt worden waren. Es waren die Prinzipien einer besitzlosen städtischen Arbeiterklasse. Hinzu kam ein vererbtes Zögern, Geld auszugeben, selbst wenn es vorhanden war, aus Furcht, es könnten härtere Zeiten kommen – und der Lebensstil der Lowes war hinreichend beschrieben. Geiz galt bei den Brüdern als Tugend.

Und so erledigten sie ihre Wocheneinkäufe stets spät am Samstagnachmittag, wenn frische Produkte häufig im Preis reduziert waren. Meist bekamen sie ein großes Stück Braten für zwei Drittel des normalen Preises. Außerdem kauften sie einen Sack Kartoffeln, Gemüse und Mohren, alles billiger und heruntergesetzt. Andere Einkäufe umfassten Speck, Würstchen, den stärksten Käse, den sie finden konnten, und eine Haushaltspackung Margarine.

Leicht verderbliche Waren wurden in dem alten, brummenden Kühlschrank verstaut, bis auf das Fleisch. Das wurde in einem antiken Fliegenschrank aufbewahrt, einem Metallkasten mit einer perforierten Tür, der im Luftzug des Küchenfensters an die Speisekammertür genagelt war und stets Schmeißfliegen in grauen Scharen anzog. Fleisch in einem Kühlschrank, so die Überzeugung der Lowes, verlor sein Aroma. Man konnte sagen, was man wollte – ihr Sonntagsbraten hatte stets reichlich Aroma und mehr als einmal auch einen recht ausgeprägten Geruch.

Sonntags bereitete Gordon den Braten, zusammen mit Bratkartoffeln und gekochtem Gemüse und Karotten. Sie gaben sich nie mit Nachtisch ab, außer an Weihnachten, wenn sie einen Fertigpudding kauften. In dieser Hinsicht wichen sie vom Vorbild ihrer Mutter ab, die eine geschickte Hand für gekochte Puddings gehabt hatte, die gestürzt, aufgeschnitten und mit reichlich Sirup oder Marmelade oder Eierlikör serviert worden waren.

Montags und dienstags aßen die Lowes die Reste vom Sonntagsbraten, entweder durch den alten, schweren Fleischwolf gedreht, der fest mit dem Küchentisch verschraubt war, oder einfach nur kalt in Scheiben geschnitten, mit dem restlichen Gemüse kurz in Bratfett aufgewärmt.

Spätestens mittwochs war das Sonntagsessen aufgezehrt, und den Rest der Woche aßen die beiden Brüder irgendwelche Kombinationen aus Würstchen, Käse und Speck mit reichlich in dicke Scheiben geschnittenem Brot.

Ein moderner Ernährungswissenschaftler hätte ihre Kost als erschreckend reich an Fett und arm an frischem Gemüse bezeichnet. Früchte kamen praktisch nicht vor, es sei denn, ein Nachbar brachte einen Sack mit

»Fallobst« vorbei, was hin und wieder geschah. Doch Denny und Gordon waren bisher ausgezeichnet mit ihrer Ernährung zurechtgekommen, was sie auf ein Leben an der frischen Luft und die harte körperliche Arbeit als Totengräber zurückführten, zusammen mit gelegentlichen Nebenjobs als Gärtner.

Das Abendessen an diesem Tag bestand aus Würstchen und Bratkartoffeln. Sie saßen nebeneinander und aßen vor dem laufenden Fernseher. Sie sahen eine Gameshow. Die hysterischen Mitspieler gewannen luxuriöse Preise, die für den Lebensstil der Lowes vollkommen irrelevant waren: Reisen nach Las Vegas, aufgemotzte Autos, Kisten voller Champagner, gigantische Stofftiere, die zu groß waren, als dass ein Kind damit hätte spielen können, Geschirrspüler und Mikrowellenöfen. Die Lowes sahen, wie all diese Dinge auf dem Schirm den Besitzer wechselten, überreicht von einem jubelnden Showmaster in mitternachtsblauem Jackett mit einer blonden, vollbusigen Assistentin an der Seite. Jede neue von Flitter bedeckte Auslage wurde mit weiterem Schreien und Kreischen aus den Rängen des unsichtbaren Publikums begrüßt – und mit vollkommenem Schweigen auf Seiten der beiden Lowe-Brüder.

Nach einer Weile fragte Gordon, ohne die Augen vom Schirm zu nehmen:

»Schätze, die Polizei wird der Sache auf den Grund gehen, wie?«

»Kann man nich’ sagen.« Denny öffnete die Ketchupflasche und stülpte sie über seinem Teller um.

»Schätze schon«, sagte Gordon und schob sich eine Gabel voll Bratkartoffeln in den Mund. Die Gewinnerin auf dem Bildschirm brach über den Gewinn einer Reise nach EuroDisney für die ganze Familie in Freudentränen aus. Das Publikum im Studio tobte begeistert.

»Schätze auch«, sagte Denny. Das Tomatenketchup wollte nicht aus der Flasche kommen. Denny grunzte unwillig und schlug heftig mit der flachen Hand auf den Flaschenboden. Rote Soße schoss in einem dicken Klumpen hervor und ließ seine Würstchen in rotem Blut ertrinken. Unbeeindruckt machte er sich daran, die rote Pampe mit einem Stück Brot aufzuwischen.

»Dann stimmt’s also? Was die Leute damals erzählt haben?«

»Oh, sicher.« Dennys kleine stechende Wieselaugen leuchteten, und sein Mund, verschmiert mit Ketchup, verzog sich zu einem hässlichen Grinsen.

KAPITEL 9

INSPECTOR LOUISE Bryce und Sergeant Prescott waren in eine jener belanglosen Montagmorgen-Unterhaltungen verstrickt, die in fast jedem Büro der Welt den Beginn einer neuen Arbeitswoche einläuteten. Zu ihrem nicht unbeträchtlichen Schrecken platzte Superintendent Markby durch die Tür. Sie fanden gerade noch Zeit für die Feststellung, dass er einen schwarzen Anzug und eine schwarze Krawatte trug, bevor er sie anraunzte.

»Guten Morgen! Haben wir heute alle zu viel Zeit, um herumzustehen und Schwätzchen zu halten? Haben wir Susan Oates Tempest und Jennifer Jurawicz bereits ausfindig gemacht? Falls nein, warum nicht?«

»Ich habe beim Pfarramt angerufen«, beeilte sich Prescott zu sagen.

»Pater Dooley geht das Eheregister durch.«

»Dann rufen Sie ihn an und sagen ihm, er soll sich sputen! Haben Sie das Foto im Labor vergrößern lassen?«, wandte er sich an Bryce.

»Das von Partytime?«

»Jawohl, Sir!« Aufgeschreckt durchwühlte Louise Bryce die Papiere auf ihrem Schreibtisch.

»Bringen Sie die Vergrößerungen in mein Büro!« Markby rauschte an ihnen vorbei und verschwand in der Tür auf der gegenüberliegenden Seite, durch den Korridor und in sein privates Allerheiligstes.

»Verdammt!«, murmelte Prescott.

»Scheint so, als wäre der Boss heute Morgen auf dem Kriegspfad, wie?«

»Hängen Sie sich ans Telefon und rufen Sie die walisische Polizei an!«, befahl Bryce mit ernster Stimme.

»Und finden Sie heraus, ob unsere Kollegen wissen, wo Susan Tempest abgeblieben ist. Vielleicht nennt sie sich inzwischen auch wieder Oates, falls ihre Ehe in die Brüche gegangen ist. Bitten Sie die Kollegen, sich nach Möglichkeit zu beeilen.«

»Jawohl, Ma’am!«, antwortete Prescott schwach. Bryce legte die beiden Vergrößerungen des Partytime-Fotos, die das Labor angefertigt hatte, sauber nebeneinander auf Markbys Schreibtisch. Eines der Bilder war eine Gesamtvergrößerung. Das andere zeigte den Ausschnitt mit der Urkunde an der Wand neben dem Kamin, der Markby aufgefallen war, als er das Bild zum ersten Mal betrachtet hatte. Der Superintendent durchsuchte gereizt die obere Schublade seines Schreibtischs.

»Ein Vergrößerungsglas! Es muss doch hier irgendwo sein! Selbst Sherlock Holmes hatte ein Vergrößerungsglas! Ich habe einen Computer, den ich kaum benutze, aber etwas so Simples und Nützliches wie ein – ah, da ist es ja!« Er beugte sich über die zweite der Vergrößerungen, während Bryce geduldig wartete. Dann richtete er sich auf und reichte ihr das Glas.

»Werfen Sie einen Blick darauf. Sagen Sie mir, was Sie sehen.« Bryce beugte sich über das Foto.

»Royal Schools of Music …«, las sie vor.

»Abschlussexamen …? Ich kann es nicht genau erkennen. Verliehen an Larry? Nein, Luke … es ist unscharf. Nachname Hollen.«

»Lars«, sagte Markby mürrisch.

»Lars Holden.« Sie blickte auf.

»Irgendwoher kenne ich diesen Namen, aber ich weiß nicht, woher.«

»Er ist Ihr Abgeordneter«, klärte Markby sie auf. Bryce legte das Vergrößerungsglas zur Seite.

»Oh«, sagte sie, und in dieser einen Silbe lag eine ganze Welt von Bedeutungen.

»Ja, oh. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass jede Unterredung mit der Holden-Familie mit Glaceehandschuhen zu führen ist.« Er lehnte sich zurück, legte die Hände flach auf den Schreibtisch und seufzte.

»Ich denke, ich werde die Vernehmungen selbst führen, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Das soll keine Herabwürdigung Ihrer Fähigkeiten sein, bitte verstehen Sie das nicht falsch. Ich bin sicher, Lars würde sich viel lieber mit jemandem unterhalten, der in seinem Alter ist, anstatt mit einem Oldtimer wie mir.« Bryce unterdrückte ein Grinsen. Sie wusste, dass Markby dreiundvierzig war.

»Aber ich kenne die Familie privat«, fuhr er fort.

»Die Holdens werden es vielleicht freundlicher aufnehmen, wenn sie mit mir sprechen. So weit sie überhaupt akzeptieren, dass sie von der Polizei in dieser Angelegenheit vernommen werden sollen.«

»Wenn sie vor zwölf Jahren Partytime engagiert haben, muss das überhaupt nichts bedeuten«, erinnerte sie ihn und wiederholte damit Merediths Einwand.

»Solche Personen geben häufig große Partys und beschäftigen vorübergehend fremdes Personal.«

»Das weiß ich auch. Doch Abgeordnete reagieren empfindlich, wenn es um negative Publicity geht. Von Polizisten in einem Mordfall befragt zu werden – noch dazu der Ermordung einer schwangeren jungen Frau … die Gesellschaft zum Schutz von Lars Holden wird augenblicklich handeln. Jeder, angefangen beim Vorsitzenden des Wahlausschusses und seinem politischen Berater bis hin zu seiner Mutter! Vielleicht wollen sogar seine Abgeordnetenkollegen oder das Kabinett ein Wort mitreden – schlimmstenfalls. Oh, und natürlich seine Verlobte, die kennen zu lernen ich an diesem Samstagabend das Vergnügen hatte und die einen nicht zu unterschätzenden Gegner abgeben würde, falls wir sie verärgern.« Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte.

»Also werde ich die Vernehmung durchführen, und falls etwas schief geht, werde ich es ausbaden.«

»Wann glauben Sie, dass Sie …?«, begann Bryce. Markby sah auf seine Armbanduhr.

»Heute Morgen gehe ich zu einer Beerdigung.«

»Ich habe mich schon gefragt, warum Sie eine schwarze Krawatte tragen.« Ihr verschmitztes Grinsen gewann die Auseinandersetzung mit professionellem Ernst. Er verzog das Gesicht.

»Es ist Eunice Greshams Beerdigung. Sie ist die alte Dame, die eigentlich im Grab ihrer Eltern beigesetzt werden sollte, bis die Lowe-Brüder das Skelett von Kimberley Oates gefunden haben. Jetzt kommt sie auf den neuen Friedhof. Der Punkt ist, dass Mrs. Holden ebenfalls dort sein wird, Lars Holdens Mutter. Und vielleicht sogar Lars Holden selbst. Möglicherweise finde ich eine Gelegenheit, mit Margaret zu reden. Was Lars betrifft, wäre es wahrscheinlich besser, unter vier Augen mit ihm zu reden. Ich gehe nach Gehör vor.« Er grinste unerwartet und tippte auf das Foto.

»Royal Schools of Music«, erklärte er auf ihren fragenden Blick hin.

»Ich gehe nach Gehör vor.«

»Jawohl, Sir«, erwiderte Bryce pflichtschuldig.

»Ich verstehe.«

»Oh? Nun ja, Sie können am Montagmorgen schließlich keinen brillanten Humor erwarten.«

»Wie alt ist er eigentlich genau, dieser Lars Holden?«, fragte sie unvermittelt.

»Nach den Bildern seiner Wahlkampagne zu urteilen, scheint er noch recht jung zu sein. Vor zwölf Jahren, als dieses Foto entstand, kann er nicht viel mehr als ein Student gewesen sein.«

»Nach meiner Rechnung«, sagte Markby und blickte ins Leere, »muss Lars damals etwa neunzehn gewesen sein, höchstens. Was uns einen interessanten neuen Aspekt liefert, finden Sie nicht? Nach Simon Frenchs Worten hat Kimberley immer wieder mit Kunden geflirtet, in der Hoffnung, ein reicher Mann würde ihrem Charme erliegen und sie von all dem wegbringen.«

»Er sieht recht attraktiv aus, dieser Holden«, sagte Louise Bryce.

»Wahrscheinlich hatte er keine Schwierigkeiten, Mädchen zu kriegen. Aber Sie haben Recht, Sir, es wird den Holdens nicht gefallen, darüber befragt zu werden, kein bisschen.«

»Du hättest wirklich nicht mitkommen müssen«, murmelte Markby.

Der Gottesdienst in der Kirche hatte nicht lange gedauert, doch er war gut besucht gewesen. Besser, dachte Markby, als es ohne die Gerüchte der Fall gewesen wäre, die um das immer noch hinter einer polizeilichen Absperrung verborgene Gresham-Grab auf dem alten Friedhof kreisten.

Ein Leichenwagen hatte Eunice Greshams Sarg das kurze Stück zum neuen Friedhof gefahren, der sich unmittelbar an den alten Kirchhof anschloss. Der Sarg war ausgeladen und von den Sargträgern zu dem frisch ausgehobenen Grab getragen und hinabgesenkt worden. Pater Holland hatte eine feierliche Rede gehalten und das letzte Gebet gesprochen. Truelove, der Nachlassverwalter, hatte im Namen aller Anwesenden eine Schaufel Erde hineingeworfen, und alles war vorbei. Wenigstens das Wetter hatte mitgespielt.

Die meisten Zuschauer verschwanden unmittelbar nach der Zeremonie wieder. Zu Pater Hollands unübersehbarer Missbilligung hatte sich auch Truelove mit fast unanständiger Hast verabschiedet. Vielleicht, dachte Markby nachsichtig, vielleicht hat er noch einen Termin. Jetzt gingen er und Meredith langsam zum Tor. Vor ihnen ging Pater Holland mit Margaret Holden. Beide waren in eine Konversation vertieft.

Lars und Angie Pritchard, die während der gesamten Zeremonie selbstbewusst neben ihrem Verlobten gestanden hatte, näherten sich Markby und Meredith. Angie trug die Sorte von schwarz-weißem Kostüm, die man in London zu Beerdigungen anzog. Der Rocksaum endete ein ganzes Stück über den Knien und betonte ihre langen Beine in den schwarzen Strümpfen. Während der Grabrede Hollands hatte Markby bemerkt, wie der Blick der Sargträger mehr als einmal zu Angie gewandert war.

»Wir sind nicht mit Mutter gekommen«, erklärte Lars Holden ein wenig verlegen, »sondern mit meinem eigenen Wagen. Mutter hat … Sie hat jemand anderen mitgenommen. Hören Sie, Alan, es mag vielleicht ein unpassender Augenblick sein, um über geschäftliche Dinge zu reden, aber ich frage mich, das heißt, Angie und ich haben uns gefragt, ob Sie vielleicht ein wenig Zeit haben oder ob Sie auf direktem Weg in Ihr Büro zurückfahren? Vielleicht könnten wir ja gemeinsam eine Kleinigkeit essen gehen? Ich meine, Angie, ich selbst, Sie und Meredith. In einem Pub, würde ich vorschlagen.«

»Sehr gut! Meredith? Was sagst du dazu?« Markby sah sie fragend an.

»Ich habe nichts dagegen«, antwortete sie prompt. Was auch immer Lars zu sagen hatte, Meredith hatte nicht die Absicht, auch nur ein Wort zu versäumen.

»Und ich weiß auch schon das passende Lokal!«, sagte Markby munter.

»Das Old Coaching Inn. Vielleicht kennen Sie es?« Lars runzelte die Stirn.

»Ein heruntergekommener Schuppen, wenn ich mich recht entsinne.«

»Der Geschäftsführer hat gewechselt!«, versicherte Markby ihm.

»Alles wurde renoviert. Ich bin ganz gespannt darauf zu sehen, wie es geworden ist. Und es soll ein exzellentes Mittagsbüfett geben.«

»Oh? Na schön.« Lars grinste nervös.

»Dann sehen wir uns dort?« Er sah auf seine Uhr.

»Sagen wir, gegen dreizehn Uhr fünfzehn? Einverstanden?« Es war kurz nach zwölf. Während Angie und Lars Hand in Hand zwischen den Gräbern davongingen, fragte sich Meredith, was die beiden wohl in der verbleibenden Stunde aushecken mochten.

»Das Old Coaching Inn? Hast du nicht erzählt, dass Simon French dort Geschäftsführer ist? Alan, du führst doch etwas im Schild!«

»Nein, nein!«, leugnete Markby durchsichtig.

»Aber ich wäre dir dankbar, wenn du gegenüber Angie oder Lars nichts von French sagen würdest. Ich möchte die beiden damit überraschen.«

»Ich bin wirklich froh, dass ich heute mit dir gekommen bin«, sagte sie prompt.

»Irgendwie habe ich das Gefühl, als wäre ich an dieser Beerdigung beteiligt, wenn du weißt, was ich meine. Immerhin war ich an jenem Morgen im Pfarrhaus, als die beiden Totengräber das Skelett … die sterblichen Überreste von Kimberley Oates gefunden haben.« Irgendetwas in ihrer Stimme erweckte Markbys Misstrauen. Entschlossen sagte er:

»Beteiligt an der Beerdigung der guten alten Eunice Gresham, ja. Aber an der Morduntersuchung – nein!«

»Ich habe dich zu Daisy Merrill geführt!«

»Das war reiner Zufall. Und es reicht auch. Meredith, ich weiß deine Hilfe zu schätzen, aber eines schönen Tages wirst du dich in eine Sache hineinreiten, aus der du dich nicht wieder befreien kannst. Bitte, halt dich da raus, ja?«

»Es ist mein Urlaub!«, protestierte sie.

»Und jetzt, wo ich nicht mehr auf dem Kanal herumschippere, kann ich ihn schätzungsweise so verbringen, wie ich es möchte, oder etwa nicht?«

»Aber nicht, wenn du dich in Polizeiarbeit einmischst. Das kannst du nicht!«

»Ich mische mich nicht ein!«, widersprach sie aufgebracht.

»Ich interessiere mich nur für deine Arbeit! Wenn sie schon dein ganzes Leben beherrscht, dann kann ich wenigstens das tun, oder vielleicht nicht?«

»Ich dachte, wir hätten dieses Thema endgültig geklärt?« Und obwohl er wusste, dass es übellaunig klang, fügte er hinzu:

»Was ist denn mit deinem verdammten Job?«

»Ich lasse meine Arbeit hinter mir, wenn ich in den Zug nach Hause steige.« Schweigen breitete sich aus, bis sie schließlich sagte:

»Tut mir Leid, ich wollte nicht nörgeln. Beerdigungen sind immer ein trauriger Anlass und führen zu düsteren Gedanken.«

»Mir tut es ebenfalls Leid. Wegen unseres Urlaubs und allem. Ja, es ist eine traurige Angelegenheit. Ich kannte Eunice Gresham. Sie war eine lebhafte alte Dame mit einem schrägen Sinn für Humor. Ich wäre heute auf jeden Fall gekommen, auch wenn es nicht mit unseren Ermittlungen in Verbindung gestanden hätte.«

»Tut es das? Ich weiß, Kimberley Oates hat im Grab von Eunices Eltern gelegen. Das war doch sicherlich nur Zufall, oder?«

»Kann sein, aber ich möchte es eigentlich nicht annehmen. Warum das Gresham-Grab? Warum hat der Täter von allen Gräbern ausgerechnet dieses ausgewählt? Auf dem alten Friedhof gibt es eine Reihe wirklich alter Grabstätten, zum Teil noch aus dem achtzehnten Jahrhundert. Warum hat sich der Täter kein Grab gesucht, das so alt war, dass es mit Sicherheit nie wieder geöffnet wurde? Oder auch nur besucht? Warum hat er ein Grab ausgewählt, das noch 1962 benutzt wurde und von dem die Wahrscheinlichkeit bestand, dass noch hin und wieder der ein oder andere Verwandte der Verblichenen es besuchen würde?«

»Daran hatte ich noch gar nicht gedacht!«, gestand Meredith. Er lächelte schwach.

»Außerdem ist es immer interessant zu sehen, wer zu einer Beerdigung kommt, weißt du? Manchmal zeigen sich wirklich die seltsamsten Vögel.« Während er dies sagte, passierten sie eine Gruppe von Eibenbäumen, und schwacher Zigarettenqualm stieg Meredith in die Nase. Sie blickte auf. Wie zur Bestätigung von Markbys Worten standen dort, auf Spaten gestützt, zwei ungepflegte Gestalten mit Wollmützen. Eine davon rauchte. Ihre Haltung erinnerte an die Statuen der Soldaten vom Kriegerdenkmal, die behelmten Köpfe ehrerbietig geneigt und die Waffen am Boden.

»Denny und Gordon«, sagte Markby leise.

»Sie warten darauf, dass wir alle aus dem Weg sind, bevor sie hingehen und das Grab zuschütten.«

»Die Leichenfledderer!«, sagte Meredith bei dem Gedanken daran, wie die Nachricht über den grausigen Fund der beiden Brüder sie getroffen hatte.

»In der schlimmen alten Zeit könnten die Lowes tatsächlich diesem Beruf nachgegangen sein«, sagte Markby grimmig.

»Ein merkwürdiges Paar, Denny und sein Bruder. Nicht, dass sie je mit dem Gesetz in Konflikt geraten wären. Im Gegensatz zu dem alten Bullen. Er war der alte Totengräber.« Markby seufzte.

»Ich wünschte, ich könnte mich mit ihm unterhalten. Aber ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen, und wahrscheinlich erinnert er sich an nichts. Trotzdem, Nat Bullen hatte zu der Zeit die Verantwortung für den Friedhof, als Kimberley heimlich begraben wurde. Wir müssen versuchen, ihn ausfindig zu machen, falls er überhaupt noch lebt, was ich bezweifle. Wahrscheinlich ist er längst tot.« Sie waren am Tor angekommen. Lars und Angie waren bereits losgefahren. Margaret Holden stand neben ihrem Wagen, den Schlüssel in der Hand.

»Es ist besser gelaufen, als ich gedacht habe«, sagte sie, als Markby und Meredith zu ihr traten.

»Die arme Eunice«, fügte sie hinzu und schloss die Wagentür auf.

»Zu schade, dass sie nicht im Grab ihrer Eltern beigesetzt werden konnte, wie sie es sich gewünscht hat.« Oscar, der die ganze Zeit über im Wagen eingesperrt gewesen war, sprang nach draußen und rannte zum nächsten Baum. Pater Holland blickte unglücklich drein.

»Vielleicht hätte ich lieber noch etwas mit dem Begräbnis warten sollen und herausfinden, ob wir sie nicht doch vielleicht im Grab ihrer Eltern beisetzen können. Aber Truelove hatte es so eilig, alles hinter sich zu bringen. Ich fand es unnötig, aber Sie wissen ja selbst, wie das ist. Ich stimme zu, dass es nicht angebracht schien, sie in einem entweihten Grab beizusetzen. Trotzdem. Ich frage mich, ob ich das Richtige getan habe.«

»Sie haben richtig gehandelt, James!«, sagte Margaret Holden mit solcher Inbrunst, dass sich die Miene des Vikars tatsächlich aufhellte. Sie rief Oscar, der ein viel versprechendes Loch zwischen den Wurzeln des Baums beschnüffelte, zum Wagen zurück. Als sie selbst im Begriff stand einzusteigen, beugte sich Markby über die Tür und fragte leise:

»Ich würde Sie gerne auf ein Wort sprechen, Margaret. Offiziell. Ich könnte zu Ihnen nach draußen kommen. Wann würde es Ihnen passen?« Sie sah ihn von unten herauf an.

»Jederzeit«, sagte sie mit unverhohlener Bitterkeit.

»Ich habe jetzt nichts mehr zu tun.« Ihr Blick fiel in den Rückspiegel, in dem Angie zu sehen war, die gerade ihre langen, schwarz bestrümpften Beine in Lars’ Wagen schwang. Markby blickte ihr nachdenklich hinterher, als sie davonfuhr. Pater Holland klatschte in die breiten Hände.

»Das wäre das. Ich werde …« Er brach ab, als das unerwartete Geräusch streitender Stimmen ertönte. Es kam von hinten, von dem frischen Grab, das sie gerade verlassen hatten. Wie ein Mann drehten sich alle um und eilten den Weg zurück, den sie gekommen waren. Als Mrs. Greshams letzte Ruhestätte in Sicht kam, bot sich ihren staunenden Augen ein seltsamer und wunderbarer Anblick. Drei, nicht zwei Männer mit Spaten arbeiteten fieberhaft am offenen Grab. Denny und Gordon auf der einen Seite schaufelten die Erde mit grimmiger Entschlossenheit und fluchten zwischendurch immer wieder auf nicht beschreibbare Weise. Die dritte Gestalt, klein und verschrumpelt, aber nichtsdestotrotz agil, sprang zwischen den anderen beiden hin und her, stieß die Schaufel hier und dort in die locker aufgeworfene Erde und warf sie wild in die allgemeine Richtung von Eunice Greshams Grab, wobei mehr danebenging als hinein und immer wieder Erdbrocken die Lowes trafen – was der Anlass für ihre Flüche war. Der kleine Mann schaufelte unbeirrt weiter, während Gordon und Denny versuchten, ihn mit den Ellbogen abzudrängen und hin und wieder drohend die Schaufel schüttelten. Die gnomartige Gestalt antwortete jedes Mal mit einer Tirade von Flüchen und schoss zwischen den beiden Lowes hin und her.

»Lasst mich bloß in Ruhe! Es muss richtig gemacht werden! Ihr wisst nicht, wie man das macht! Ich kannte Eunice fast sechzig Jahre! Ich will, dass sie anständig begraben wird!«

»Mach, dass du aus dem Weg kommst, du verrückter alter Kerl!«, schimpfte Denny und holte mit der Schaufel aus. Er verfehlte den Kopf des Alten nur um Haaresbreite.

»Sprich nicht so mit mir, Denzil Lowe! Ihr beide habt mir meine Arbeit weggenommen, habt ihr! Ihr seid nicht besser als Diebe, genau wie euer Vater! Ich erinnere mich noch an euren Vater! Er war ein Tagedieb! Und ihr kommt nach ihm! Ihr habt hier nichts zu suchen! Verschwindet von hier, alle beide! Ihr blutigen Amitöre, ihr!«

»Geh – mir – aus – den – Füßen!«, heulte Denny. Pater Holland brach mit wehender Soutane über die drei herein wie ein heiliges Donnerwetter.

»Sofort aufhören!«, röhrte er.

»Was um alles in der Welt glaubt ihr, was ihr hier tut!« Die drei Schaufler erstarrten mitten in der Bewegung. Denny erholte sich als Erster von seinem Schrecken. Er stützte sich auf seine Schaufel und sagte:

»Der verrückte alte Kerl ist mitten aus dem Nichts hier aufgetaucht, Reverend! Ich hab ihn noch nie gesehen! Er muss in den Büschen auf der Lauer gelegen haben!«

»Das is’ mein Job!«, keifte die verschrumpelte Gestalt. James Hollands Unterkiefer sank herab. Er stand dort, als könnte er seinen eigenen Augen nicht trauen und als hätte es ihm die Sprache verschlagen. Markby trat vor, und bei seinem Anblick wichen die beiden Lowes misstrauisch zurück. Nicht so ihr Kontrahent, der mit der Schaufel in den knotigen, von dicken blauen Adern durchzogenen alten Händen trotzig vor dem Superintendent stehen blieb. Sein dünnes, gelblich graues Haar hing ihm wirr in die runzlige Stirn, und sein unrasiertes Kinn zitterte vor Zorn.

»Mischen Sie sich bloß nich’ da ein!«, keifte der Alte.

»Wen haben wir denn da?«, sagte Markby, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Das nenne ich eine Überraschung. Nat Bullen! Und wir dachten schon, Sie wären tot!«

»Denken Sie, was Sie wollen!«, keifte der Alte.

»Aber ich lebe noch!« Die Diskussion ging noch für kurze Zeit weiter, bis es Markby gelang, den ehemaligen Totengräber davon zu überzeugen, die beiden Lowes in Ruhe ihre Arbeit fortsetzen zu lassen und den Vikar, Meredith und Alan Markby zur Pfarrei zu begleiten. Sie saßen alle am großen Tisch in der Küche. Mrs. Harmer stellte missbilligend ein Tablett mit Bechern frisch gekochten Kaffees vor ihnen ab.

»Haben Sie nichts Stärkeres da?«, fragte der alte Bullen hoffnungsvoll.

»Das nasskalte Wetter geht mir schrecklich in die Knochen. Ein Schluck Whiskey wäre nicht verkehrt. Oder Brandy.«

»Du kannst dich glücklich schätzen, dass du überhaupt in meine Küche darfst, Nat Bullen!«, fauchte Mrs. Harmer.

»Denk bloß nicht, dass du hier drin anfangen wirst zu trinken! Ich weiß alles über dich!« Bullens runzlige Gesichtszüge verzerrten sich zu einem spöttischen Grinsen, als die Haushälterin ihm den Rücken zuwandte.

»Eine alte Unke ist sie! Das war sie schon immer! Ihr Mann hat sich mit der Kellnerin vom The George vergnügt, weil er es bei ihr nicht ausgehalten hat!« Mrs. Harmer wirbelte herum, das Gesicht zorngerötet, und rückte gegen Bullen vor.

»Das hat er nie getan! Du verlogener alter Trunkenbold!« Pater Holland hielt es für angebracht einzuschreiten.

»Ich bin sicher, Sie irren sich, Nat. Schon gut, Mrs. Harmer, bitte regen Sie sich nicht auf. Vielleicht sollten Sie besser gehen. Wir wissen alle, dass Nat einen schrägen Sinn für Humor hat.« Sie stapfte hinaus.

»’s ist aber wahr!«, sagte Bullen halsstarrig.

»Und einmal wurden sie von einem anderen ihrer Liebhaber gestört, der überraschend vorbeigekommen war! Joe Harmer ist mit heruntergelassenen Hosen aus dem Lokal geflüchtet!« Bullen kicherte böse.

»Sie war ein ziemliches Flittchen, diese Kellnerin!« Er zog einen der Kaffeebecher zu sich und blies geräuschvoll auf die dampfende Flüssigkeit.

»Und Biskuits gibt’s wohl auch nicht, wie?« Meredith stand auf und nahm die Keksdose des Vikars aus dem Regal. Bullen kramte darin herum und betatschte mit seinen runzligen Fingern fast jeden einzelnen Biskuit, bevor er schließlich zwei nahm.

»Wo haben Sie in den letzten zehn Jahren gesteckt, Mr. Bullen?«, fragte Markby.

»Nirgendwo«, antwortete der Alte und trank schlürfend einen Schluck Kaffee. Meredith verzog das Gesicht und fing einen Seitenblick von Holland auf. Der Vikar zuckte resigniert die Schultern.

»Ich war hier«, fuhr Bullen fort.

»Das heißt, in meinem Cottage. Ich leb direkt draußen vor der Stadt. Mrs. Holden ist meine Vermieterin. Eine sehr freundliche Lady ist sie. Immer gut zu mir gewesen. Ich geh nirgendwo anders hin. Ein Lebensmittelhändler kommt mit seinem Wagen vorbei, und ich kauf meinen Tee und meinen Haferbrei und alles, was ich sonst so brauch bei ihm. Der Wirt vom Pub die Straße runter gibt mir meinen Whiskey. Wenn ich was Besonderes brauch, ein Rezept oder Medizin, besorgt Mrs. Holden das für mich. Sie ist eine richtige Lady, von altem Schrot und Korn.« Bullen schlürfte weiteren Kaffee.

»Nicht wie dieser Kerl.«

»Welcher Kerl?«, fragte Meredith. Das Schlürfen war unerträglich für sie.

»Ihr Sohn, der junge Bursche. Dieser Polliticker.« Bullen blickte auf und blinzelte verschlagen.

»Er will mich aus meinem Cottage haben. Aber ich geh nich’, und rauswerfen kann er mich nich’.« Plötzlich wirkte er verschlagen und erinnerte Meredith an einen bösen Kobold.

»Nat«, sagte Markby und legte die verschränkten Hände auf den Tisch. Er beugte sich leicht vor und fragte:

»Sie wissen, was man im alten Gresham-Grab gefunden hat?« Bullen schmatzte missbilligend, dann zog er die Zuckerdose zu sich heran und gab einen weiteren gehäuften Löffel in seinen Kaffee. Er begann umzurühren, verschüttete Kaffee und brachte Pater Holland dazu, entnervt die Augen zur Decke zu verdrehen, wo er anscheinend himmlischen Beistand suchte.

»’türlich weiß ich das. Ich les doch Zeitung, les ich. Das kommt nur davon, dass Denny und Gordon mir meine Arbeit weggenommen haben.« Bullens kleine blasse Augen mit dem weißlichen Gelb richteten sich anklagend auf den Vikar.

»Sie haben das gemacht! Sie haben mich auf die Straße gesetzt! Dazu hatten Sie kein Recht!«

»Sie hatten das Rentenalter erreicht, Nat«, entgegnete der Vikar in beruhigendem Tonfall.

»Und die Arbeit eines Totengräbers ist hart. Wie Sie selbst gesagt haben, Nat – Ihre alten Knochen hätten nicht mehr viel länger durchgehalten.«

»Harte Arbeit hat noch nie jemanden umgebracht«, giftete Bullen.

»Meine Knochen haben erst nachgegeben, seit ich aufhören musste zu graben. Weil ich nichts mehr zu tun hab! Ich hab gesehen, wie die Lowes ihre Arbeit machen! Das nennen Sie anständig? Sie machen keine sauberen Ränder. Ringsherum stürzt die Erde ins Grab. Die Seiten sind nicht glatt. Ein gutes Grab zu schaufeln is’ eine Kunst, ist es. Ich habe mein Handwerk beherrscht. Diese Lowes sind nichts als blutige Amitöre!«

»Wie sind Sie heute hergekommen, Nat?«, fragte Markby.

»Mit dem Bus?« Der alte Mann schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich hab Mrs. Holden gefragt, und sie hat mich mitgenommen. Zuerst hab ich ihn gefragt, aber er – er wollt mich nicht in seinem schicken Wagen mitnehmen. Sie fingen an deswegen zu streiten, und dann meinte Mrs. Holden, dass sie noch zu spät zum Begräbnis kommen täten, und dann hat sie ihren eigenen Wagen aus der Garage geholt und mich hergebracht. Ich musste hinten sitzen, bei ihrem kleinen Hündchen. Aber ich hab nichts gegen Hunde. Obwohl der kleine Köter ein rechtes Mistviech ist, jawohl. Immerzu muss er bellen. Aber schlau ist er auch. Schlauer als manche Leute ist er, ohne jemanden mit Namen zu nennen!« Bullen tippte sich mit einer unangenehmen, aber dennoch viel sagenden Geste an die Nase.

»Ich hab Mrs. Holden gesagt, dass ich schon irgendwie nach Hause komm. Sie hätten mich bei dem Grab helfen lassen sollen! Diese Lowes, sie machen nichts richtig! Ich hab Eunice Gresham gekannt, seit sie ein Mädchen war! Ich wollte doch nur, dass sie richtig begraben wird.« Bullen leerte seinen Kaffeebecher und stellte ihn ab.

»Jeder hat ein Recht darauf, vernünftig begraben zu werden. Der Gedanke, dass diese Lowes meine Arbeit tun, bringt mir das Blut zum Kochen. Und alles ist ganz allein Ihre Schuld!«, wiederholte er heftig in Pater Hollands Richtung.

»Wenn Sie meinen«, entgegnete James Holland.

»Aber ich denke, Superintendent Markby hier möchte Ihnen ein paar Fragen stellen.« Bullen drehte den Kopf zu Markby und hob die fast kahlen Augenbrauen.

»Oh, Superintendent sind wir jetzt? Das letzte Mal, als ich von Ihnen gehört hab, waren Sie noch irgend so ein Chief Inspector drüben in Bamford.«

»Ich wurde befördert, Nat«, sagte Markby und unterdrückte ein Lächeln.

»Wundert mich nich’«, sagte Bullen. Meredith schnitt, von Bullen unbemerkt, eine Grimasse in Alans Richtung und formte mit den Lippen die Worte:

»Ein Bewunderer!« Doch da irrte sie sich, wie Bullen fast im gleichen Augenblick zu erkennen gab.

»Sie sind ein Markby. Vornehme hiesige Familie, diese Markbys. Oberschicht. Wundert mich, dass Sie noch nicht Chief Constable geworden sind, wundert mich das.«

»Ich arbeite daran, Nat«, sagte Markby ernst. Bullen warf ihm einen bösen Blick zu, dem zu entnehmen war, dass er sich auf den Arm genommen fühlte.

»Und was wollen Sie von mir wissen, Superintendent? Wie man ein Grab gräbt? Gehen Sie und fragen Sie die Lowes, wenn Sie meinen, dass die so viel darüber wissen?«

»Ich möchte aber wissen, was es mit dem Gresham-Grab auf sich hat, Nat.«

»Der alte Friedhof«, sagte Bullen und verstummte für einen Augenblick.

»Zu meiner Zeit wurden die Leute noch dort begraben. Kurze Zeit später haben sie damit aufgehört. Ich schätze, da hatten Sie wohl auch die Finger im Spiel, Reverend?«

»Nein, Nat«, entgegnete der heimgesuchte Geistliche geduldig.

»Der alte Friedhof war einfach voll. Die Stadt war beträchtlich gewachsen. Der Gemeindevorstand und die Diözese beschlossen, einen neuen Friedhof zu eröffnen. Wir hatten Glück, dass wir ein Stück Land direkt neben dem alten Friedhof erhalten haben.«

»Ich erinnere mich noch daran. Früher war es eine Hühnerfarm. Man konnte das Federvieh aus einer Meile Entfernung riechen.« Bullen lehnte sich zurück und sah die anderen der Reihe nach an. Offensichtlich sonnte er sich in dem Gefühl, dass alle drei auf seine Antwort warteten.

»Das erste Grab für Walter Gresham hab ich nich’ gegraben«, sagte er schließlich.

»Das war vor meiner Zeit. Ich hab’s wieder geöffnet, als seine Frau gestorben ist. Aber ich hab kein Skelett gefunden. Na ja, ein paar von Walters Knochen, aber ich hab sie wieder zugedeckt, bevor es jemand gesehen hat. Ich hab das Loch ziemlich tief gemacht, wissen Sie, weil es ein dreistöckiges Grab war.«

»Und danach haben Sie es nie wieder angerührt?« Auf Markbys Frage hin wurde Bullen unruhig.

»Kommt darauf an«, sagte er ausweichend. Als er nicht weiterredete, sagte Markby:

»Erzählen Sie doch.«

»Kann mich nich’ erinnern.« Er blickte auf und starrte Markby geradewegs in die Augen.

»Ist so lange her. Muss es wohl vergessen haben.« Meredith bemerkte Hollands Blick und machte eine eindeutige Geste, ein Glas, das jemand hinunterkippt.

»Nat«, sagte Pater Holland, »vielleicht finde ich ja irgendwo im Haus ein Glas Brandy.« Bullens Miene erhellte sich.

»Das wär nich’ verkehrt, Reverend.« Einige Minuten später, mit einem großen Brandy in der Hand, erzählte Bullen weiter.

»Also, ich weiß nich’ mehr genau, wann es gewesen ist, glauben Sie mir. Aber Folgendes geschah. Wir hatten eine Menge Regen. So wie diesen Sommer war es. Und Mrs. Gresham … eines Tages ist sie zu mir gekommen und hat gesagt: ›Nat‹, hat sie gesagt, ›das Grab meiner Eltern ist ziemlich eingesunken. Die Erde hat nachgegeben.‹ Genau das hat sie gesagt. Und dann hat sie noch gefragt, ob ich nich’ was daran machen könnt’?« Bullen hielt inne und trank von seinem Whiskey. Er rollte die Flüssigkeit anerkennend auf der Zunge und schluckte. Ein Hustenkrampf war die Folge. Als wieder Ruhe eingekehrt war, sagte er anerkennend:

»Ein wirklich guter Tropfen, Reverend!«

»Das Gresham-Grab, Nat«, beharrte Markby.

»Ja, ja, ich bin doch schon dabei, oder? Ein klein wenig Geduld könnten Sie brauchen. Beim Graben lernt man Geduld. Ein Grab braucht seine Zeit, wenn man es richtig machen will. Die Lowes, die kennen keine Geduld. Das is’ ihr Problem. Wo war ich noch gleich?« Bullen verstummte, um nachzudenken. Der alte Schauspieler, dachte Meredith und musste innerlich grinsen. Er amüsiert sich nach Kräften.

»Nun ja, ich hab einen Blick auf das Grab geworfen, und tatsächlich, es war eingesunken. Also hab ich ein paar Schubkarren Erde geholt und sie auf das Grab gekippt, bis es wieder ein hübscher Hügel war.« Bullens Hände beschrieben einen imaginären Hügel.

»Nach und nach ist es wieder eingesunken.« Markby murmelte etwas Unverständliches und lehnte sich zurück. Mit der Hand deutete er in Merediths und Pater Hollands Richtung.

»Das könnte der Grund sein, warum der Mörder sein Opfer in das Gresham-Grab gelegt hat! Es lag frische Erde dort, und niemand würde bemerken, dass es geöffnet worden war. Er musste lediglich die Erde beiseite schaufeln, ein flaches Loch buddeln, die Tote hineinlegen und wieder mit Erde bedecken. Können Sie sich wirklich nicht mehr erinnern, in welchem Jahr das war, Nat?«

»Nein«, sagte Bullen. Er hatte seinen Brandy ausgetrunken und schien zu seiner üblichen schlechten Laune zurückzufinden. Er kauerte sich auf seinem Stuhl zusammen.

»Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich will jetzt nach Hause.«

»Ich hole den Minibus vom Jugendclub aus der Garage und fahre Sie, Nat.« Pater Holland erhob sich.

»Sie haben sicherlich keine Lust, auf meinem Motorrad mitzufahren, oder?« Bullen blickte zu dem Vikar auf.

»Und ob ich Lust hab! Ich hatte selbst ein Motorrad, als ich jung war. Eine Norton. Haben Sie einen zweiten Sturzhelm?«

»Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll«, sagte Markby ein wenig später zweifelnd. Pater Hollands Yamaha jagte die Straße hinunter davon. Der Vikar in seiner schwarzen Lederkleidung wurde von der kleinen, triumphierenden Gestalt Nat Bullens auf dem Sozius verdeckt. Bullen trug einen riesigen Sturzhelm und klammerte sich fest, als ginge es um sein Leben.

»Er muss wenigstens fünfundachtzig sein.«

»James fährt langsam und vorsichtig. So langsam, wie man mit so einer Maschine fahren kann. Bullen war eindeutig völlig aus dem Häuschen!« Sie blickte Alan an.

»Er hat dir immerhin weitergeholfen.«

»In gewisser Hinsicht, ja. Es ist alles nur Mutmaßung. Wir wissen nicht – das heißt, er weiß nicht genau, wann er die Erde auf das Grab geschüttet hat. Aber es wäre zumindest eine Erklärung, warum Kimberleys Leichnam in diesem Grab verschwand und niemand etwas davon bemerkt hat.« Pater Hollands Motorrad war nicht mehr zu sehen.

»Ich glaube, ich hätte den einzigen überlebenden Zeugen wirklich nicht auf James Hollands Beifahrersitz steigen lassen dürfen, ganz gleich, wie wenig er weiß. Ich hoffe nur, er fällt nicht herunter.«

KAPITEL 10

DER BERICHT Bullens in der Küche der Pfarrei hatte zur Folge, dass sie mit einigen Minuten Verspätung zu ihrer Verabredung im Old Coaching Inn eintrafen. Doch als sie auf den großen, neu asphaltierten Parkplatz bogen, sahen sie Lars und Angie gerade aus dem Wagen steigen.

»Ah, da sind Sie ja!«, sagte Lars. Es klang erleichtert.

»Ich hatte gefürchtet, wir hätten Sie warten lassen. Wir mussten nämlich zuerst noch einmal nach Hause fahren. Ich wollte mit meiner Mutter reden. Im Pfarrhaus alles in Ordnung?« Meredith fragte sich, wie er zu der Annahme gekommen war, dass sie die Zwischenzeit im Pfarrhaus verbracht hatten, auch wenn es den Tatsachen entsprach. Sie fragte sich auch, warum Lars, obwohl er hatte wissen müssen, dass Nat Bullen aller Wahrscheinlichkeit nach einen unerfreulichen Auftritt plante, sich so beeilt hatte, zusammen mit Angie die Beerdigung zu verlassen. Sie hatte das unbestimmte, aber starke Gefühl, dass Lars etwas zu verbergen trachtete, und sie wusste, dass Alan genauso empfand. Angie hatte ihren Hut zu Hause gelassen. Über die freie Fläche des Parkplatzes ging ein frischer Wind und spielte in ihrer glänzenden Mähne. Sie strich sich entnervt das Haar aus dem Gesicht und schlug mit gewisser Ungeduld vor, endlich hineinzugehen. Äußerlich hatte sich das Old Coaching Inn kaum verändert. Im Innern jedoch waren ein paar alte, roh gezimmerte Balken das Einzige, das vom ursprünglichen Gebäude stehen geblieben war. Es war vollkommen umgebaut worden, und das möglicherweise nicht auf die vorteilhafteste Art. Die Besitzer hatten allem Anschein nach ein vergangenes Lebensgefühl zum Thema gemacht. Als Resultat hingen überall alte Joche, Kummets, Dreschflegel und andere altmodische landwirtschaftliche Geräte an den Wänden. Alles war mit den verschiedensten konservierenden Mitteln behandelt worden, eine Schande, weil es jeden Eindruck von Echtheit zerstörte, obwohl die Gegenstände das aller Wahrscheinlichkeit nach waren. Zwischen den Antiquitäten verteilt hing eine unübersichtliche Vielfalt billiger Sportdrucke und Reklamezettel, die das Auge des Betrachters verwirrten und seine Sinne durcheinander brachten. Als die vier eintraten, kam Simon French durch eine Tür hinter der Theke, als sei er gerufen worden. Er bemerkte Markby und erkannte an seiner Begleitung, dass der Superintendent nicht in offizieller Absicht in sein Restaurant gekommen war. Mit einem strahlenden Lächeln kam er ihnen entgegen.

»Hallo, Superintendent Markby! Haben Sie meine Einladung also angenommen? Ein Tisch für vier Personen, wenn es recht ist?« Er führte sie zu einem Ecktisch unter weiteren Bildern von Hufschmieden und Gentlemen in Gamaschen, die auf Enten schossen. Gleich neben dem Tisch befand sich der kalte Kamin mit einem Eichensims, das überladen war mit altem Porzellan von der Sorte, die man für wenige Pennys auf Flohmärkten oder Wohltätigkeitsverkäufen erstehen konnte. Meredith fragte sich, welche Wirkung die Dekoration beim Betrachter hervorrufen sollte. Ein altes Inn? Eine alte Farm? Oder ein aufgemotzter Secondhandshop, der sich als Antiquitätenladen ausgab? Es war, als sollte der Eindruck erzeugt werden, dass es sich überhaupt nicht um ein Restaurant handelte.

»Was halten Sie von einem Begrüßungsdrink?« French winkte einen Kellner herbei.

»Auf Kosten des Hauses selbstverständlich. Ich werde Ihnen die Speisekarte bringen lassen.« Er hastete zur Theke. Ein junger Mann kam herbei, nahm ihre Getränkebestellung entgegen und verteilte gewaltige Speisekarten, die in schweren kunstledernen Einbänden steckten. French war am Tresen stehen geblieben, doch jetzt gab er Markby einen verstohlenen Wink, zu ihm zu kommen. Markby bestellte sein Getränk, murmelte eine Entschuldigung und ging zu French.

»Hören Sie, Superintendent«, flüsterte French aufgeregt, »ist das nicht Lars Holden, der Abgeordnete, in Ihrer Begleitung?« Markby unterdrückte seine aufkeimende Verärgerung. Er hatte gehofft, dass French Lars wiedererkennen würde, selbst nach zwölf Jahren noch, als einen ehemaligen Kunden von Partytime. Besser noch, dass er sich an den Abend in Old Farm erinnerte und das Foto, das dort von ihm, Kimberley und dem anderen Mädchen geschossen worden war. French hatte sich mit seinem fotografischen Gedächtnis gebrüstet, was Namen und Gesichter anging, also warum nicht? Doch wie Bryce bereits gesagt hatte, Lars’ Name und Gesicht waren von Wahlplakaten her hinreichend bekannt, von Reklamewänden und aus der lokalen Presse. French hatte den Abgeordneten gleich wiedererkannt, aber nur in seiner parlamentarischen Funktion als Volksvertreter. Diese Assoziation konnte durchaus alles verfärben, an das sich French angeblich sonst noch erinnerte. Markby bestätigte, dass es tatsächlich der Abgeordnete war, der an seinem Tisch saß. French krähte fast vor Vergnügen und fiel erneut über seine neuen Gäste her.

»Mr. Holden? Darf ich Ihnen sagen, wie sehr wir uns geehrt fühlen, Sie heute als unseren Gast hier zu haben? Ich bin sicher …« Lars erhob sich mit überraschender Bereitwilligkeit, um die Bewunderung entgegenzunehmen. Er schüttelte French die Hand und gratulierte ihm zu den gelungenen Umbauarbeiten an seinem Restaurant. Ein Schwall gegenseitiger Komplimente folgte, der damit endete, dass French bat, jeden Wunsch bezüglich des Essens zu äußern, und Lars sich einer weiteren Wählerstimme sicher war. Markby war unterdessen wieder an den Tisch gekommen, und als er sich setzte, wechselte er einen verstohlenen Blick mit Meredith, der kaum unterdrückten Widerwillen zum Ausdruck brachte. Meredith grinste. French ging. Lars nahm Platz und erklärte:

»Ein tüchtiger junger Geschäftsmann. Genau die Sorte, die wir brauchen.«

»Ich dachte«, sagte Markby sanft, »dass Sie ihn vielleicht wiedererkannt hätten.« Lars runzelte die Stirn.

»Ich lerne eine Menge Leute kennen, Alan. Ich spreche regelmäßig vor der Handelskammer. Ich glaube nicht …« Angie rührte sich auf ihrem Stuhl und hob das Glas mit Gin Tonic an die Lippen. Ihre Augen waren wachsam auf Markby gerichtet.

»Er hat vor einigen Jahren noch bei einem einheimischen Partyservice gearbeitet. Partytime Caterers. Wenn ich richtig informiert bin, hat Partytime früher in Ihrem Haus Feste beliefert. French war damals Barmann.« Verlegene Stille trat ein.

»Ich erinnere mich nicht an ihn, beim besten Willen nicht«, sagte Lars Holden.

»Allerdings …« Er sah Hilfe suchend seine Verlobte an.

»Warum zeigst du Alan nicht einfach den Brief?« Angie stellte ihren Gin Tonic ab.

»Es gibt da nämlich etwas, das Lars gerne inoffiziell mit Ihnen besprechen würde, Alan. Wenn Sie mich fragen, es ist nichts weiter als ein Sturm im Wasserglas. Aber wenn man in Lars’ Position ist, weitet sich jedes Geschwätz leicht zu einem Skandal aus. Nicht, dass irgendetwas an der Sache wäre oder Lars sich auch nur das Geringste zu Schulden hätte kommen lassen, aber Sie wissen ja, wie das ist.«

»Brief?« Markby richtete einen fragenden Blick auf Lars, der sichtbar errötete.

»Ich muss vorher noch etwas erklären, Alan. Es ist … wie soll ich es sagen? Sie waren draußen im Haus und kennen meine Mutter. Sie … alles geht immer nach ihrem Willen.«

»Diese alte Frau, die wir heute Morgen begraben haben«, sagte Angie kühl.

»Sie hat gewusst, wie Margaret war. Sie schenkte ihre eine Brosche, so ein schreckliches Ding, eine Adlerklaue in einer silbernen Fassung. Sie hätte ihr irgendein Schmuckstück vermachen können, aber sie wählte die Klaue aus, weil sie Margarets Wesen so treffend symbolisierte. Sie nimmt sich, was sie will, und lässt es nicht mehr los.«

»Komm schon, Angie!«, protestierte Lars schwach.

»Mutter ist nicht so schlimm, wie du sie darstellst.« Angie hob eine Augenbraue und zuckte die Schultern. Lars fuhr womöglich noch verlegener fort:

»Die Sache ist die, Alan. Mutter hat die Kontrolle über den Familienbesitz, und sie lässt einen alten Taugenichts namens Bullen mietfrei in einem der Cottages wohnen.« Unter dem Tisch stieß Markby warnend Meredith an. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. Als wäre sie so dumm, alles herauszuplappern.

»Der frühere Totengräber, wenn ich mich nicht irre?«, fragte Markby unschuldig.

»Er ist auf dem Friedhof gewesen, nachdem Sie weg waren.« Lars stöhnte.

»Genau was ich befürchtet hatte! Ich habe ihm gesagt, er soll sich von der Beerdigung fern halten! Er war wohl kaum geeignet, der Zeremonie Würde zu verleihen. Trotzdem bestand er heute Morgen darauf mitzukommen. Er stand in aller Frühe vor dem Haus, eingezwängt in seinen vermutlich besten Anzug, und hatte eine kleine Schaufel dabei, verpackt in Zeitungspapier. Er ist eindeutig vollkommen übergeschnappt! Ich weigerte mich, ihn in meinem Wagen mitzunehmen. Er roch nach Whiskey und Mottenkugeln, dass es zum Himmel stank. Wenn Mutter ihn in ihrem Wagen mitnehmen wollte, meinetwegen. Er konnte ja hinten bei Oscar sitzen. Mutter hat offensichtlich ein Herz für diesen Kerl, aber fragen Sie mich bloß nicht, warum!«

»Ich weiß schon, warum«, sagte Angie mit samtener Stimme. Lars sah sie nervös an.

»Ich weiß nicht, Angie, wirklich nicht. Ich gebe zu, sie ist merkwürdig, aber würde sie so etwas …?«

»So etwas?«, unterbrach Markby mit den ersten Anzeichen von Ungeduld.

»Es ist ganz einfach, Alan«, sagte Angie.

»Lars und ich wollen heiraten. Wenn wir das tun, brauchen wir eine Wohnung hier im Wahlkreis. Und Lars hat ein Haus, die Old Farm. Das Problem ist, Margaret würde nicht ausziehen wollen, und wir können sie nicht dazu zwingen. Es ist wegen der Bedingungen im Testament seines Vaters. Ich muss wohl kaum hinzufügen, dass die Vorstellung inakzeptabel ist, mit Margaret unter einem Dach zu leben!« Was durchaus der Wahrheit entsprach. Margaret Holden betrachtete das Haus als ihr Reich, und sie lebte seit gut fünfunddreißig Jahren dort. Laut sagte Meredith:

»Zwei Frauen in einer Küche, das geht einfach nicht!«

»Genau!« Angie strahlte sie an.

»Ich könnte nicht einmal eine Glühbirne wechseln, ohne dass Margaret mir im Nacken sitzt! Von Renovieren oder Umgestalten gar nicht zu sprechen! Bitte denken Sie nicht, dass ich Margarets Position nicht verstehe. Sie ist daran gewöhnt, in ihrem eigenen Haus zu leben, und selbstverständlich könnte sie eins haben! Aber nicht die Old Farm. Ideal wäre es, wenn der alte Bullen in ein Altersheim ginge. Wir könnten das Cottage von Grund auf renovieren, und Margaret könnte einziehen und bis an ihr Lebensende dort wohnen. Eine Art Witwenhaus, wenn Sie verstehen. Sie hätte Ned und Evelyne als Nachbarn, was die beiden sicherlich freuen würde. Sie wäre bei ihren Freunden und in unserer Nähe. Sie könnte den Garten benutzen und hätte immer noch eine Aufgabe, wenn auch nicht mehr so bedeutend wie vorher. Es wäre perfekt! Aber nein, sie tut es nicht!« Angie verschränkte die Hände und schlug damit auf den Tisch, dass die Gläser gefährlich schwankten.

»Wenn es irgendwie gelänge, den alten Bullen zum Auszug zu bewegen, wären Margarets Gründe für ihr Bleiben in der Old Farm geschwächt. Das weiß sie ganz genau. Sie ist entschlossen, dafür zu sorgen, dass dieses Cottage nicht frei wird! Deswegen berechnet sie dem alten Trunkenbold auch keine Miete! Und solange Bullen mietfrei dort wohnen kann, zieht er ganz bestimmt nicht aus!« Der Kellner kehrte zurück, um ihre Bestellungen aufzunehmen. Die Unterhaltung brach vorübergehend ab, wofür Lars sichtlich dankbar war. Er war immer röter im Gesicht geworden und schwitzte beträchtlich. Das Bestellen dauerte. Beide Männer entschieden sich für eine Suppe, und Angie nahm Melone. Meredith verzichtete auf eine Vorspeise, um nach dem Essen ohne Schuldgefühle ein süßes und klebriges Dessert nehmen zu können. Weitere Zeit verging bei der Entscheidung für die verschiedenen Hauptgerichte. Markby entschied sich für das warme Büfett und ging, um sich seine Speisen auszusuchen. Meredith und Angie nahmen Hühnchen Provençal, und Lars orderte nach einigem Gemurmel über eine Diät ein medium gebratenes Steak mit einer gebackenen Kartoffel und einen Salat ohne Dressing. Der Kellner ging, und Markby kehrte an seinen Platz zurück.

»Was wollten Sie mir über diesen Brief erzählen, Lars?«, nahm er die Unterhaltung wieder auf.

»Ach, diese Geschichte.« Lars steckte die Hand in die Innentasche und brachte ein zerknittertes Stück Papier zum Vorschein.

»Bullen hat das hier an meine Adresse im Unterhaus geschickt. Er ist verrückt, der Alte, aber er gehört zu der Sorte mit einer schrägen Kompetenz. Als ich ihn las, wusste ich zuerst überhaupt nicht, was er wollte, und fast hätte ich ihn weggeworfen. Später erfuhr ich von der, äh, Morduntersuchung und vom Namen der, äh, Toten. Der Brief schien irgendwie damit in Zusammenhang zu stehen. Ich habe Bullen gefragt, was um alles in der Welt er damit ausdrücken wollte, doch der alte Tagedieb hat nur mit einem verschwörerischen Blick geantwortet und sich wissend an die Nase getippt. Ich glaube, ich könnte ihn erwürgen, ohne mit der Wimper zu zucken.« Lars verstummte.

»Bitte nicht!«, bat Markby. Er las den Brief zweimal, dann faltete er ihn wieder zusammen.

»Darf ich ihn behalten?«

»Na schön«, sagte Lars unwillig.

»Aber Sie werden ihn niemandem zeigen, versprochen? Außer Meredith, meine ich. Ich würde gerne erfahren, was sie von der Sache hält.«

»Nur, wenn es sich nicht umgehen lässt. Betrachten Sie diesen Brief als Drohung? Dem Gesetz nach handelt es sich um Nötigung. Möchten Sie gegen Bullen vorgehen? Oder genauer gesagt: Was möchten Sie, dass ich deswegen unternehme?«

»Ich weiß es nicht!« Lars Stimme überschlug sich. Verstohlen blickte er sich um, ob andere Gäste von ihm Notiz genommen hatten.

»Hören Sie, Alan!«, zischte er und beugte sich über den Tisch.

»Es geht im Grunde genommen um Geschwätz! Ich kann mir kein Geschwätz leisten!«

»Lars«, entgegnete Markby steif, »halten Sie es für möglich, dass Bullen versucht, Sie zu erpressen?«

»Nein!«, ächzte Lars.

»Wie könnte er? Ich habe schließlich nichts getan … Er weiß nicht das Geringste …«

»Lars!«, unterbrach ihn Angie entschieden.

»Du musst Alan von dem Mädchen erzählen!«

Das Essen war tatsächlich ausgezeichnet. Zu Beginn des Hauptgerichts kam French zu ihrem Tisch und erkundigte sich, ob alles zu ihrer Zufriedenheit sei und tauschte weitere gegenseitige Komplimente mit Lars. Auf einen Wink des Managers hin tauchte in regelmäßigen Abständen ein Kellner auf und fragte, ob sie vielleicht noch mehr Brot oder Wein oder sonst was haben wollten. Wir könnten nach dem Spülbecken in der Küche fragen, dachte Meredith, und sie würden es wahrscheinlich aus der Wand reißen und anschleppen.

In den Pausen dazwischen, und wenn sie nicht gerade mit Essen beschäftigt waren, erzählte Lars nach und nach seine Geschichte.

»Ich erinnere mich an das rothaarige Mädchen, Alan. Ziemlich gut sogar, wissen Sie? Es war mein achtzehnter Geburtstag. Mutter hatte Partytime beauftragt. Eine der Kellnerinnen war ausgesprochen hübsch.«

Lars warf seiner Verlobten einen gehetzten Blick zu, doch Angie hatte den berühmten nichts sagenden Ausdruck einer Sphinx aufgesetzt.

»Nun ja, sie schien … sie schien an mir interessiert. Ich hatte bereits etwas getrunken. Sie wissen, wie das ist …« Lars’ Stimme klang flehend und trotzig zugleich.

»Wo?«, fragte Markby gleichmütig.

»Wo?«, wiederholte Lars verwirrt.

»Ich nehme an, Sie werden mir als Nächstes erzählen, dass

Sie und die Kellnerin die Party für einige Minuten verlassen haben und …«

»Und es miteinander getan haben!«, sagte Lars mit rauer Stimme.

»Nun, Sie haben Recht. Ich war achtzehn, um Himmels willen, und sie war vielleicht siebzehn oder so! Wir waren jung, und es war eine Party!«

»Wo?«, wiederholte Markby seine Frage.

»In einem Schlafzimmer? War das nicht zu riskant? Ein anderer Gast hätte Sie überraschen können, möglicherweise sogar Ihre Mutter!«

»Nein«, sagte Meredith, die Lars ununterbrochen beobachtet hatte.

»Ich kann mir denken, wo. In dem verborgenen Zimmer, der geheimen Kapelle, habe ich Recht, Lars?«

Er sah sie beinahe dankbar an.

»Ja. Ich fragte sie, ob ich ihr die Kapelle zeigen sollte, und wir gingen hin. Na ja, und dort ist es einfach passiert.« Er legte Messer und Gabel nieder und setzte sich kerzengerade auf.

»Hören Sie, sie wollte es, genau wie ich! Ich habe keinerlei Gewalt angewendet!«

»Und was dann?«, fragte Markby.

»Dann nichts. Wir kehrten zur Party zurück. Sie fuhr mit dem übrigen Personal nach Hause.«

»Haben Sie sie wiedergesehen?« Lars blickte nach unten.

»Ich bin ihr mitten in der Stadt begegnet, in der darauf folgenden Woche, wie es das Pech wollte. Ich lud sie zu einer Tasse Kaffee ein. Ich erfuhr ihren Namen. Ich schätze, sie hat mir schon vorher gesagt, wie sie heißt, aber ich hatte es wieder vergessen. Kimberley. Sie schien nicht böse, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte. Sie schien sich im Gegenteil ausgesprochen zu freuen, dass wir uns begegnet waren. Immer wieder deutete sie an, dass sie sich von mir ausführen lassen wollte. Aber ich wollte nicht! Ich meine, nüchtern und am helllichten Tag fand ich sie nicht einmal mehr attraktiv! Aber sie wollte nicht aufgeben. Und sie … na ja, sie erinnerte mich an das, was wir auf der Party getan hatten.«

»Sie hat Sie also mehr oder weniger erpresst, sich wieder mit ihr zu treffen, ist das korrekt? Was hat sie gesagt? Dass sie zu Ihnen nach Hause gehen und mit Ihrer Mutter reden würde?«

»Nicht direkt, nein. Aber die Drohung hing in der Luft. Ich weiß heute, dass ich ihr hätte sagen sollen, es zu vergessen, dass ich kein Interesse und dass Mutter sie in hohem Bogen rausgeworfen hätte, falls sie die Frechheit aufbrächte, zu ihr zu gehen. Doch ich war jung, und der Gedanke, dass meine Familie etwas erfahren könnte, war mir peinlich.« Lars seufzte.

»Ich nahm sie mit ins Kino. Ich kann mich nicht erinnern, in welchen Film. Irgendetwas Todlangweiliges. Sie hing an meiner Hand, als ginge es um ihr Leben, und knabberte an meinem Ohr, als die Lichter ausgingen.« Meredith hatte die Serviette am Mund und gab einen dumpfen Laut von sich.

»Es war mir so verdammt peinlich!«, sagte Lars kummervoll.

»Und danach? Haben Sie Kimberley wiedergesehen?«

»Ein paar Mal, ja. Wir haben uns nie in Bamford getroffen, weil ich nicht wollte, dass uns irgendjemand sieht, der mich kannte. Dann fing Gott sei Dank das neue Schuljahr an, und ich fuhr ins Internat zurück, um meinen Abschluss zu machen. Danach ging ich zur Universität. Ich habe Kimberley nie wieder gesehen, Alan, und das ist die Wahrheit. Ich schwöre es!« Meredith erhielt einen drängenden Seitenblick von Alan. Ich entwickle mich immer mehr zum Gedankenleser, dachte sie. Alan fragte sie, was ein junges Mädchen, das sich vermeintlich verliebt hatte, tun würde.

»Hat Sie Ihnen geschrieben, Lars, während sie am College waren?«, fragte Meredith.

»Ein paar Mal«, antwortete Lars düster.

»Ich habe nicht geantwortet. Es war so peinlich, diese verdammten Briefe zu lesen. Ich habe sie immer gleich verbrannt. Ehrlich, man sollte nicht glauben, was sie … welche Worte sie zu Papier brachte! Sie war total verrückt nach Sex!«

»Und während der Ferien, als Sie zu Hause waren, ist sie nicht wieder aufgetaucht?«

»In den ersten Ferien danach war ich nicht richtig zu Hause«, antwortete Lars.

»Nur ein paar Tage, um meine Ausrüstung abzuholen. Ich bin mit dem Rucksack durch Europa gereist. Als ich in den nächsten Ferien wieder nach Hause kam, war sie nicht mehr da. Ich habe nicht nach ihr gesucht!« Niemand sagte etwas. Die Antwort hing in der Luft. Lars hatte nicht nach Kimberley gesucht, doch nach zwölf langen Jahren suchte sie ihn wieder heim. In die betretene Stille hinein rollte der Wagen mit den Nachspeisen. Alle richteten ihre Aufmerksamkeit mit verdächtigem Eifer auf das, was dort angeboten wurde, obwohl weder Lars noch Angie großen Hunger zu verspüren schienen. Als wäre es eine unangenehme Pflicht und kein Vergnügen, sagte Angie schließlich:

»Ich denke, ich nehme einen Fruchtsalat. Ohne Sahne bitte.«

»Ich nehme den Käseteller«, sagte Lars in Weltuntergangsstimmung.

»Ich nehme die Schokoladentorte«, entschied Meredith munter.

»Mit Sahne!« Was zur Hölle. Einmal alle Jubeljahre konnte nicht schaden, und sie hatte extra die Vorspeise ausgelassen.

»Ich auch«, sagte Markby sichtlich erfreut. Nachdem sie sich ein paar Minuten mit den zahlreichen Köstlichkeiten beschäftigt hatten, fragte Markby:

»Nun, dann scheint doch alles klar zu sein, Lars. Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann gibt es nichts, was Sie zu befürchten hätten!« Lars hatte ein Stück Brie auf die Gabel gespießt und sah Markby an wie ein Mann, der gerade von der Todesstrafe begnadigt worden war.

»Das ist wirklich sehr anständig von Ihnen, Alan.«

»Ich hab dir doch gesagt, dass Alan es regeln würde«, sagte Angie selbstgefällig. Markby runzelte unwillig die Stirn.

»Das kann ich so nicht sagen. Nur wenn Lars die Wahrheit erzählt und nichts verschwiegen hat, und ich muss wirklich alles darüber wissen, Lars.«

»Oh, das war alles! Wirklich, das war alles!«, entgegnete Lars hektisch.

»Ganz ehrlich!«

»Sie erinnern sich nicht an das, was Kimberley während Ihrer Verabredungen zu Ihnen gesagt hat? Sie erwähnte keine Probleme zu Hause, keine Pläne fortzugehen oder nach ihrer Mutter zu suchen?«

»Nein! Sie hat die ganze Zeit nur über Sex geredet! Ich weiß nichts über ihre Familie!«

»Dann habe ich nur noch eine letzte Frage, und es ist von größter Wichtigkeit, dass Sie mir die Wahrheit sagen, Lars! Hat Bullen Sie und Kimberley irgendwann einmal in der Stadt zusammen gesehen? Hatte er Grund zu der Vermutung, dass Sie sich mit Kimberley trafen? Verstehen Sie, diesem Brief nach zu urteilen, den er Ihnen geschrieben hat, glaubt er offensichtlich, dass Sie ein persönliches Interesse an der Entdeckung von Kimberleys sterblichen Überresten haben.« Lars wand sich in tiefstem Unbehagen.

»Offen gestanden, Alan, ja. Ja, ich habe mich immer bemüht, sie nicht in der Stadt zu treffen, aber ein paar Mal trafen wir uns in Bamford und verbrachten dort die ein oder andere Stunde. Er … eines Tages hat er uns überrascht. Wir waren in den Büschen zugange.« Markby hob eine Augenbraue.

»Oh. Wo?« Lars schluckte, dann sprudelte er hervor;

»Im Unterholz, auf der Rückseite des alten Friedhofs!«

»Was hältst du von der Geschichte?«, fragte Alan, als sie allein und auf dem Weg nach Hause waren.

»Meiner Meinung nach protestiert der Herr Politiker ein wenig zu viel. Sieh mal, er war achtzehn, und mit achtzehn leiden wir alle an unseren überschäumenden Hormonen. Kimberley hat bestimmt nicht von ganz allein nur über Sex geredet. Und es braucht zwei Leute, um sich im Unterholz zu vergnügen! Er hatte eine hyperaktive sexuelle Liaison mit einem einheimischen Mädchen, als er ein Teenager war. Und jetzt kommt die ganze Geschichte auf den armen Mann zurück! Er ist in Panik, Alan. Angie weiß es. Sie sorgt dafür, dass er die ihrer Meinung nach richtigen Züge macht. Sie hat ihn heute dazu gebracht, uns die Brocken hinzuwerfen, um deinen Ermittlungen zuvorzukommen. Sie kann den Skandal riechen, den diese Neuigkeiten in der Presse verursachen, und dichtet die möglichen Lecks ab. Sie ist eine sehr verschlagene Lady, diese Angela Pritchard.«

»Er hat nicht alles gesagt«, stellte Alan beharrlich fest.

»Weder er noch Angie. Sie verschweigen uns etwas. Sie versuchen clever zu sein. Aber am Ende werden sie doch alles sagen müssen, und bis dahin schieben sie mich herum wie eine Schachfigur. Das gefällt mir nicht. Zufällig hast du einen sehr bedeutsamen Punkt in Lars Holdens Geschichte übersehen, Meredith. Er betrifft Nat Bullen und seinen Brief.«

»Warte«, sagte Meredith.

»Lass mich nachdenken.« Einen Augenblick später sagte sie:

»Ich hab’s! Als Bullen diesen Brief an Lars’ Adresse im Unterhaus schrieb, war das Skelett bereits gefunden, aber noch nicht identifiziert! Woher wusste Bullen also, dass es die Überreste von Kimberley Oates sind?« Sie waren bei Merediths Haus angekommen. Markby stellte den Motor ab und wandte sich ihr zu.

»Hast du schon einmal versucht, ein großes Loch zu graben? Oder auch nur ein kleines? Ich schon, oft sogar. Frag einen Gärtner. Löcher zu graben ist alles andere als einfach! Glaub mir, um einen Leichnam zu vergraben, braucht man eine gewisse Übung und Ausdauer!«

»Die Erde auf dem Grab war frisch und weich, meinst du? Die Erde, die Bullen mit seiner Schubkarre dort abgeladen hatte?«

»Möglich. Falls Bullen sich nicht mehr erinnern kann, wann das war, kann ich nichts beweisen. Aber gewiss ist es wesentlich einfacher, ein flaches Grab in frischer Erde auszuheben, als es aus festem Boden zu graben. Trotzdem bedeutet es, dass irgendjemand darüber Bescheid wissen muss. Irgendjemand muss die frische Erde gesehen haben und sich daran erinnern.« Markby seufzte.

»Ich lass dich hier raus. Ich komme nicht mit rein; ich muss noch mal zurück an die Arbeit.« Mit der Hand am Türgriff fragte Meredith:

»Alan? Niemand hat ein ungeborenes Kind erwähnt. Glaubst du, Lars könnte der Vater des Babys sein, das Kimberley bei ihrem Tod austrug?«

»Genau das ist die Preisfrage«, murmelte Markby.

»Und während du darüber nachdenkst, denk auch über das hier nach: Wir haben Angies Theorie gehört. Welche anderen Gründe könnte es noch geben, aus denen Margaret Holden keine Miete von dem alten Bullen verlangt?«

KAPITEL 11

MEREDITH SAH ihm hinterher, als er davonfuhr.

»Ich rufe dich später an und sage dir Bescheid, was los ist. Ich weiß noch nicht genau, wann oder ob wir uns heute noch sehen«, hatte er gesagt und das Gesicht verzogen.

»Sicher. Mach dir keine Gedanken deswegen«, hatte sie ihm verständnisvoll geantwortet – obwohl ihr innerlich ganz anders zu Mute gewesen war. Sie wandte sich um und wollte ins Haus gehen, als sie das Rumpeln von harten Rädern hörte. Sie blickte auf und sah einmal mehr Mrs. Etheridge mit ihrem Einkaufswagen. Die Frau erweckte einen deprimierend ehrbaren Eindruck in dem verblassten Baumwollkleid. Der glänzende Strohhut sah aus wie ein platt gedrücktes Vogelnest. Es war offensichtlich, dass sie sich heute mehr abmühte als sonst. Meredith ging zu ihr und bot ihre Hilfe an.

»Warum lassen Sie mich das nicht für Sie nach drinnen tragen?«, fragte sie mitfühlend.

»Sie sehen aus, als wären Sie völlig geschafft.« Mrs. Etheridge zögerte.

»Es ist das feuchte Wetter, wissen Sie? Es macht meinen Gelenken zu schaffen. Ja, einverstanden. Danke sehr.« Meredith zog den Wagen zur Tür und, nachdem Mrs. Etheridge aufgesperrt, sie auf eine Stufe aufmerksam gemacht und sie gebeten hatte, auf den Teppich und die Wände zu achten, durch den Flur zur Küche auf der Rückseite des Hauses. Dort sank Mrs. Etheridge kraftlos auf einen Holzstuhl und sagte:

»Darf ich Ihnen vielleicht einen Tee anbieten? Es war sehr freundlich von Ihnen, mir zu helfen.«

»Ich mache den Tee«, sagte Meredith. Es geschah nicht oft, dass Mrs. Etheridge ihre Dankbarkeit äußerte oder gar Tee anbot, und es war ein unübersehbarer Hinweis darauf, wie erschöpft sich die alte Frau an diesem Tag fühlen musste. Als der Tee fertig war und beide am Tisch saßen, beobachtete Mrs. Etheridge sie.

»Sie sind heute wirklich sehr schick, meine Liebe.« Meredith wurde bewusst, dass sie noch immer das dunkle Kostüm trug, das sie zu Eunice Greshams Beerdigung angezogen hatte. Sie hatte nicht genug Zeit gehabt, um vor der Verabredung mit Lars und Angie nach Hause zu fahren und sich zum Essen umzuziehen. Sie berichtete Mrs. Etheridge von der Beerdigung. Die alte Frau nickte.

»Ich habe gehört, dass es heute war. Gut besucht, wie ich annehme? Sie war allseits bekannt, die gute Mrs. Gresham. Ich war früher regelmäßig in jener Kirche, aber das ist nun zehn Jahre oder länger her. Nicht, seit dieser neue Pfarrer in die Gemeinde gekommen ist, dieser schreckliche Mensch mit dem Motorrad, wenn Sie verstehen.« Sie schnaubte verächtlich.

»Pater Holland«, sagte Meredith.

»Ich denke, Sie sollten sich nicht von seinem Motorrad täuschen lassen.«

»Motorräder sind nicht für Männer Gottes geschaffen«, entgegnete Mrs. Etheridge steif.

»Nicht meinem Verständnis nach jedenfalls. Sie kannten Pater Appleton nicht zufällig, der früher hier war? Ein liebenswerter alter Gentleman. Ich war damals sogar Mitglied in seinem Kirchenvorstand.«

»Sie waren im Kirchenvorstand? Das wusste ich gar nicht!«

»Ich bin ausgetreten, als Holland hier anfing. Es war nicht mehr das Gleiche wie früher. Wissen Sie, Pater Appleton war im letzten Jahr seiner Amtszeit sehr krank. Es war schwierig, irgendetwas zu tun.«

»Dann erinnern Sie sich auch an den alten Totengräber?«, fragte Meredith unvermittelt.

»Nat Bullen?« Mrs. Etheridges Reaktion war überraschend heftig. Röte überzog ihre dünnen Wangen, und ihre Augen blitzten.

»Ein grässlicher alter Sünder! Ein Trinker!«

»Er war bei der Beerdigung von Mrs. Gresham.«

»Nat Bullen lebt noch?« Mrs. Etheridge starrte Meredith ungläubig an.

»Also damit hätte ich nicht gerechnet! Er war den lieben langen Tag betrunken. Ich hätte wirklich gedacht, dass er sich längst totgetrunken hat.« Sie trank von ihrem Tee.

»Ich habe das Thema immer wieder bei den Sitzungen des Kirchenvorstands anzusprechen versucht, weil es die Kirche in Verruf brachte. Aber niemand hat mich unterstützt. Später haben sie ihn gefeuert, als der alte Friedhof geschlossen wurde. Aber nicht vorher!« Mrs. Etheridge fühlte sich inzwischen ein wenig besser. Sie hatte sich weit genug erholt, um sich an ihren zerdrückten Strohhut zu erinnern. Sie nahm ihn ab, legte ihn vor sich auf den Tisch und betrachtete ihn nachdenklich.

»Selbst am frühen Morgen war er schon betrunken, wissen Sie? Ich erinnere mich an ein Ereignis; eine Freundin von mir hatte im Krankenhaus gelegen, und wieder zu Hause benötigte sie ein wenig Hilfe, um morgens aufzustehen und sich anzuziehen. Also bin ich eine Woche lang jeden Tag zu ihr geradelt und half ihr beim Aufstehen und bei der Morgentoilette. Ich machte ihr das Frühstück und wusch ab, dann fuhr ich wieder nach Hause und kümmerte mich um meinen eigenen Haushalt. Damals hatte ich noch nicht so viele Probleme mit meinen Gelenken wie heute, und ich konnte noch auf dem alten Rad fahren. Aber das ist seit Jahren vorbei. Wer hätte das damals gedacht? Ich war immer so aktiv. Aber das ist das Alter. Jedenfalls, eines Morgens radelte ich zu meiner Freundin. Es war Sommer und schon hell, obwohl es erst sechs Uhr in der Früh war. Ich kam am Friedhof vorbei, und dieser üble Nat Bullen kam in einem schrecklichen Zustand durch das Tor gestolpert. Er rollte ununterbrochen die Augen und murmelte vor sich hin. Wahrscheinlich hatte er ein Delirium tremens. Als er mich sah, stieß er einen erschrockenen Schrei aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. Er drehte sich um und wollte zurück auf den Friedhof. Ich rief ihm hinterher. Ich sagte zu ihm, dass er eine Schande für die Gemeinde sei und dass er nach Hause gehen und seinen Rausch ausschlafen solle, bevor ihn jemand anderes so sah. Er antwortete mit einem Schwall von Schimpfworten. Schreckliche Ausdrücke, und er schüttelte sogar die Faust gegen mich!« Ihre Tasse klapperte auf dem Unterteller, als die Erinnerung unangenehme Emotionen weckte.

»Aber er sah wirklich schrecklich aus, und heimlichtuerisch obendrein, als hätte er nichts Gutes im Schilde geführt. Und ich frage Sie, was hatte er so früh am Morgen dort zu suchen?«

»Erinnern Sie sich noch genau, wann das war?«, fragte Meredith vorsichtig.

»Nein. Aber es muss um die Zeit herum gewesen sein, als Pater Appleton in den Ruhestand ging. Aber damals geschah eine ganze Reihe von eigenartigen Dingen. Es war alles ein wenig lax, verstehen Sie?«

»Was für eigenartige Dinge?« Meredith hoffte inbrünstig, dass Mrs. Etheridge ihre ungebührliche Neugier nicht bemerkte. Doch die alte Dame empfing nur wenig Besuch und schien froh, dass sie jemanden zum Reden hatte.

»Da war diese Sache mit der Kerze und den Blumen. Oh, was sage ich? Ich musste Pater Appleton versprechen, mit niemandem darüber zu reden! Aber es liegt nun zwölf Jahre zurück, und Pater Appleton ist längst tot und begraben, daher nehme ich an, dass es niemandem mehr schaden kann. Trotzdem, ich denke oft daran. Ich bin fest überzeugt, dass irgendjemand eine schwarze Messe gehalten hat!«

»Ich setze den Kessel noch einmal auf«, erbot sich Meredith, als Mrs. Etheridge mehr und mehr heiser wurde vom ungewohnten langen Sprechen.

»Und dann müssen Sie mir alles darüber erzählen.«

»Kosmosblüten waren es«, erzählte Mrs. Etheridge.

»Ich erinnere mich ganz deutlich. Wir hätten den Bischof informieren sollen. Man hätte den Altar neu weihen müssen. Aber Pater Appleton wollte nichts davon wissen, und Derek Archibald hatte Angst, es könnte an die Öffentlichkeit gelangen. Er hatte Angst um sein Geschäft, seine Metzgerei! Leute, die Hühner schlachten und ähnliche schlimme Dinge! Aber ich bin Vegetarierin, schon seit Jahren. Also versprachen wir beide dem Pfarrer, kein Wort davon zu sagen, und das habe ich auch nicht, all die Jahre. Ich weiß nicht, ob Derek Archibald etwas gesagt hat. Er ist ein Mensch, der selbst gerne hin und wieder trinkt, und vielleicht hat er im Pub etwas erzählt.« Sie erhob sich aus ihrem Stuhl.

»So, jetzt geht es mir schon wieder viel besser. Ich kann meine Einkäufe selbst wegpacken, machen Sie sich keine Mühe.« Meredith wusste, dass sie damit entlassen war. Doch sie wollte nicht mit leeren Händen gehen, wenigstens in übertragener Hinsicht. Sie war sicher, dass sich Alan brennend für Nat Bullens morgendliches Verhalten interessieren würde, genau wie für die Geschichte von der Altarkerze und den Kosmosblüten. Auch Mrs. Etheridge war in Gedanken noch bei der Sache, denn als Meredith schon auf dem Weg zur Tür war, sagte sie unvermittelt:

»Jetzt fällt mir wieder ein, wann das war. Beide Dinge geschahen in der gleichen Woche. Die Woche, in der ich die brennende Kerze auf dem Altar gesehen habe, war die gleiche Woche, in der ich Nat Bullen am frühen Morgen betrunken auf dem Friedhof sah! Ich wollte beide Angelegenheiten auf der Kirchenvorstandssitzung zum Gespräch bringen, doch Derek Archibald schnitt mir das Wort ab, weil es bereits spät war und alle nach Hause wollten. Auf dem Heimweg gingen wir mit Pater Appleton zur Kirche und haben nachgesehen, ob die Kerze noch brannte.« Meredith ging nach Hause und rief bei Markby im Büro an, doch dort wurde ihr beschieden, dass der Superintendent noch nicht wieder zurück war. Sie fragte sich, wo er abgeblieben war.